Traumerfüllung, stinkende Glückseligkeit und ein Putzschwamm

Augenfunkeln – pic by Achim Matschiner

Es gibt Menschen, die vertrauen einem so sehr, dass sie dich bitten die Patenschaft ihrer Kinder zu übernehmen. Das passierte uns vor sechs Jahren. Wir waren sehr gerührt. Soviel Vertrauen wird uns entgegengebracht. Soviel Verantwortung überträgt man uns. „Wir möchten, dass Ihr in guten und in schlechten Tagen für unsere Kinder da seid.“ Das sind kleine Worte, die einen großen Job beinhalten. Wir waren uns dessen sehr bewusst. Zusätzlich zu der Verantwortung, die man uns übertragen hat, stand für uns fest: Die ersten Schuhe, die erste Handtasche und auch die ersten Ohrringe bekommt die Kleine von uns. Wir haben bei der zwei Jahre älteren Schwester schon einmal damit angefangen. Die Mädels sind jetzt acht und sechs Jahre alt.

Ein festes Gesetz der Mama: Ohrringe erst bei Schuleintritt. Gesagt, getan. Ein Tag vor der Einschulung hole ich die kleinere Maus ab und fahre mit ihr gen Einkaufszentrum. Ganz aufgeregt sitzt sie in ihrem Kindersitz auf der Rückbank und lässt mich an ihren Vorstellungen zur Schule teilhaben. Mittendrin wird sie ruhig. Immer ruhiger. Ich frag was los ist. Just in dem Augenblick höre ich, was ihr die Sprache verschlägt. Zwischen den Würgegeräuschen bringt sie ein hilfloses und vorwurfsvolles „Wir haben den Eimer vergessen!“ hervor. Da fällt es mir wieder ein. Autofahren ist nicht gerade ihre Stärke. Es liegt nicht an meinem Fahrstil. Ich also rechts ran und reiße umgehend ihre Tür auf. Da sitzt ein Häuflein Elend im Kindersitz und schaut mich mit großen, traurigen Augen an. Ihr hübsches blaues Kleidchen und die Rückseite des Beifahrersitzes ist von oben bis unten mit ihrem Frühstück dekoriert. Mittendrin klebt ein dicker, rosiger und frisch erworbenen Hubba Bubba. Ich stelle sie erst einmal auf die angrenzende Grünfläche. Sie steht da wie eine Marionette. Leicht breitbeinig und mit weit abgestreckten Armen. Selbst die Finger zeigen verkrampft in alle Himmelsrichtungen. Mit den paar verfügbaren Taschentüchern versuche ich sie vom Schmuddel zu befreien. Gott sei Dank kommt eine Frau mit Kinderwagen vorbei und hilft mir mit einigen feuchten Reinigungstüchern aus. Keine große Rettung, aber ein Anfang.

Weiter ins Einkaufsparadies mit kurzer Planänderung. Die Toilette ist jetzt unser erstes Ziel. Dann ab zum schwedischen Klamottenladen. Die eingesauten Klamotten in neue tauschen. Ergebnis: Jeansshorts und – natürlich – ein Einhorn-Glitzer-Shirt. Vorsichtshalber noch ein Kleidchen. Sicher ist sicher. Ab zur Kasse. Etiketten ab und, ja, ich will eine Plastiktüte. Auch wenn sie 0,25 Cent kostet. Irgendwie muss ich ja dieses übel riechende Etwas, das ursprünglich mal ein Kleid war, wieder nach Hause bekommen. Während wir sie umziehen rümpfen wir beide die Nase. Boah! Was stinkt das hier! Meine Hose hat wohl auch etwas abbekommen als ich sie aus dem Auto und damit aus ihrem Schlamassel gehoben habe. Ihr „Sollen wir dir auch noch eine neue Hose kaufen?“ lässt mich schmunzeln. Aber ich verneine. Ich habe genügend Hosen. Wird schon gehen.

Jetzt zu den Ohrringen. Ohrlochstechen ist angesagt. Sie meistert das tapfer. Ohne zucken. Nur ein kleines „Au“ bei jedem Ohrläppchen. Später gesteht sie mir, dass es ja gar nicht wehgetan habe. Ich frage sie, warum sie dann bei jedem Ohr ein „Au“ von sich gegeben hat? „Ich wollte der Verkäuferin einen Gefallen tun. Sie hat sich so viel Mühe gegeben.“ Wie unglaublich ist dieses Kind? Dann ab in den versprochenen Süßwarenladen. „Zwei Sachen darfst du dir aussuchen.“ Ohne zu zögern sucht sie sich zwei Stück aus und will eines davon sogar ihrer älteren Schwester schenken.

Auf nach Hause. Die lang ersehnten Ohrringe endlich von der ganzen Familie bewundern lassen. Sie kann es kaum erwarten endlich in den Kreis der Großen aufgenommen zu werden. Im Auto gebe ich ihr vorsichtshalber noch eine Hundekacktüte. Falls sich doch noch das Eine oder Andere aus ihrem Magen den Weg nach draußen bahnt. „Ich kotz‘ doch nicht in eine Hundekacktüte!“ ruft sie mir völlig entrüstet von der Rücksitzbank nach vorne zu. „Dann nimm meine Strickmütze.“ erwidere ich. Die habe ich immer im Auto gebunkert. Falls mal Not an der Frau und draußen saukalt ist. Oder in diesem Fall, Not am Kind. „Die ist viel zu schön!“ kontert sie. „Immer noch besser als auf dein neues Einhorn-Glitzer-Shirt und die neuen Shorts zu kotzen, oder?“ Ein rechtgebendes „Stimmt auch wieder.“ kommt als Antwort. Ihr Fokus wandert nun doch wieder zu den Ohrringen und ihrem neuen Leben, welches morgen beginnt. Kurz vor zuhause wird sie wieder ruhig. Ich frage, ob es wieder soweit ist und ein leises und würgendes „Brröhhheee“ erreicht mein Ohr. Also umgehend wieder rechts ranfahren. Ich öffne ihre Tür und hocke mich neben sie. Streichle ihr über den Rücken, während sie würgend die Hundekacktüte umklammert und sich immer wieder in diesen schwarzen Beutel übergibt. „Es tut mir so leid, Mäuschen!“ versuche ich sie zu trösten. Aus einem vibrierenden Mund stammelt sie „Kannst ja nix dafür!“ – kombiniert mit einem „Brrööhhheee“. Ich muss mir umgehend mein Lachen verkneifen. Was für eine Reaktion von einer Sechsjährigen. „Hast ja doch nicht die Mütze genommen.“ erwähne ich beim Mundabwischen. „Zu schöööööön…“ nuschelt sie und spuckt noch einmal in das Tempo. Was für ein Mädchen!

Daheim angekommen, höre ich schon das Öffnen des Anschnallgurtes vom Rücksitz. Ich will gerade den Motor abstellen, da reist sie schon die Tür auf, hüpft aus dem Auto und ruft mir ein freudiges „Danke fürs Fahren!“ zu und ist weg. Aus dem Augenwinkel sehe ich sie noch, wie sie ihren Roller greift und freudig die Straße entlang ihrer Freundin und ihrer Schwester entgegenfährt. Sie brüllt freudestrahlend: „Schaut mal! Ich habe jetzt auch Löcher in den Ohren und ein Einhorn-Glitzer-Shirt hab ich auch!“

Während ich mein Auto putze und versuche, diesen unausstehlichen Geruch aus diesem zu bekommen, lasse ich mir die Worte der Pateneltern von vor sechs Jahren noch einmal durch den Kopf gehen: „In guten wie in schlechten Zeiten, möchten wir, dass ihr für unsere Kinder da seid.“ Tja, ich würde mal sagen, heute ist so ein Tag, an dem wir für eines der Kinder da waren. Mit allem Drum und Dran. Inklusive Traumerfüllung, stinkende Glückseligkeit und einem Putzschwamm.

PS: Ja, dieser Blog und das Foto sind von den Eltern genehmigt.

© by Marita Matschiner

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