Living on the Etsch (Teil 2 Binsen-Land)

Vanlife – pic by Achim Matschiner

Eine unruhige Nacht habe ich hinter mir. Was werden wir in unserem ersten Urlaub mit und in Eda wohl alles erleben? Ich weiß so gar nicht was auf mich zukommt. Meine Gedanken und Bedenken hierzu habe ich ja bereits im ersten Teil von „Auf in das Binsen-Land“ kundgetan. Egal. Zwischendurch muss man auch mal über seinen Schatten springen und Dingen eine Chance geben. Also Augen zu und durch.

Ein Stau auf unserer geplanten Route zeigt gleich einmal die Vorteile von einem VW-Bus Urlaub: wir sind ungebunden, terminlos und völlig flexibel. Daher runter vom Highway und Richtungsänderung. Statt wie ursprünglich angedacht, nach Österreich zu fahren, landen wir in Glurns, Südtirol. Dort gibt es einen kleinen Campingplatz, der nur 5-10 Minuten zu Fuß von der City entfernt ist. Gut der Begriff „City“ ist jetzt ein bisschen übertrieben. Glurns ist ein kleines, supergemütliches Örtchen. Es bietet die Möglichkeiten und Läden, die man im Leben so braucht. Bäcker, Metzger, Eisdiele, Restaurant, Schuhladen. Und eben einen Campingplatz. Direkt an der Etsch.

Den Stellplatz dürfen wir uns selber aussuchen und wir entscheiden uns für einen leicht schattigen, etwas abgelegenen Platz. Natürlich mit schnell zu erreichenden Hygieneräumen. Zuerst der Weg zu genau diesen. Ja, das passt. Sauber. Keine Spinnweben in den Ecken. Ablageflächen für den Kosmetikbeutel und Haken für die mitgebrachten Handtücher. Kein Toilettenpapier. Aber das ist nicht tragisch. Denn als gut vorbereitete Camper haben wir ja unsere eigene, mehrlagige Rolle dabei. Und wenn ich die Wahl zwischen dem selber käuflich erworbenen, weichen Papier und dem kostenfreien, grauen, recycelten habe, weiß ich genau welches meins sein wird.

Vor dem ersten Aufbau eine kurze Abstimmungsrunde darüber, wer wofür zuständig ist. Das mündet dann auch gleich einmal in eine Mini-Diskussion. Was genau wir alles für einen Tag Aufenthalt benötigen. Und was demzufolge ausgepackt werden muss. Wo wir es sinnvollerweise auf- bzw. hinstellen. Was genau kommt aus den zwei Kisten, die in der eingebauten Truhe stehen, überhaupt zum Einsatz? Denn diese zwei Kisten sind genau genommen unsere Küche. Darin befindet sich alles, was der Mensch für Küchenaktivitäten benötigt. Geschirr, Flaschenöffner, Wasserkocher, Töpfe, Kaffee, Nudeln, Öl und zwei Dosen Thunfisch. Im aufgebauten Zustand versperrt unser Bett den Zugang zu dieser Truhe. Daher: erst grübeln – dann dübeln. In einer Beziehung ist Kommunikation ganz oben auf der To-Do-Liste. Und bei einem VW-Bus-Urlaub noch viel weiter oben! Diese Erkenntnisse haben wir schnell begriffen. Der erste Aufbau verläuft nach den anfänglichen – ich nenne es mal Herausforderungen – doch äußerst stressfrei.

Jetzt erst einmal das Ankommen und den erfolgreichen Aufbau genießen. Dazu gehört ein Glas schön gekühlter Weißwein. Denn dieser dürfte während der Fahrt, in unserer tragbaren und strombetriebenen Kühleinheit, seine richtige Temperatur erreicht haben. Gute Investition. Ach, wie schön. Ruhe, Vogelgezwitscher und eine totale Überraschung: Maikäfer-Gebrumme. Die habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Hier wimmelt es von diesen, wie ich finde, traumhaften Brumm-Käfern. Totale Kindheitserinnerung. Leider bereits fast ausgestorben. Nur nicht in Glurns. Da gibt es ganz viele davon.

Nach unserer ersten Kochaktion auf unserer neuen gasbetriebenen Kocheinheit, nehme ich den ersten wirklichen Job einer Camperfrau wahr. Ich marschiere mit den Spülutensilien und dem dreckigen Geschirr zum Geschirrwaschraum. Der Raum ist sauber, riecht nach Spülmittel und ist gekachelt. Warmes Wasser kostet 1€. Damit kann ich leben und spendiere unserem Geschirr erst einmal eine warme Dusche. Ich gehe meinem Job nach und bin begeistert, wie sich umgehend ein lockeres Gespräch mit dem Campingnachbarn entwickelt. Dieser wurde von seiner Frau verdonnert den Salat zu waschen und zu putzen. In den kommenden Stunden sehen wir ihn noch öfter. Ebenso seinen Hund. Seine Frau ward nur in der Ferne gesehen. Wie sie das Küchenhandtuch zum Trocknen über die selbst aufgespannte Wäscheleine hängt und ihre Flipflops vor dem Womo abstellt. Das lässt mein Herz doch gleich höher springen: genau so habe ich es mir vorgestellt. Totales Camping-Klischee. Amüsier!

20:00 Uhr. Der erste Camper steuert mit Handtuch und Kulturbeutel bewaffnet in Richtung Waschraum. Und schon geht die Pilgerei los. Von allen Ecken und Enden, jedes Geschlechts, jeden Alters, laufen unsere Tagesnachbarn zum Waschraum und starten die abendliche Routine. Gesicht waschen. Zähne putzen. Die Akustik, die aus dem Waschraum zu uns rüber wabert, bestätigt meine Vermutung: der Waschraum scheint das Tagblatt vom Campingplatz zu sein. Hier treffen sich alle bei Sonnenuntergang und kommen ins Gespräch. Tauschen sich über ihre Erlebnisse aus. Erzählen Witze, lachen. Selbstredend amüsieren wir uns darüber, wie unsere Vorstellungen sich von Stunde zu Stunde bewahrheiten. Gegen 22:00 Uhr sind wir die einzigen noch wachen Gäste (wir Hippies!). Nach dem stillen Besuch im Waschraum wird alles verräumt und ab in den Schlafsack. Das Sandmännchen sagt ziemlich schnell „Grüß Gott“ und nach ein paar Aufschreckmomenten á la „Was für ein Geräusch?“, „Schleicht da einer um uns rum?“ verbringen wir die erste Nacht in Eda im vollkommenem, wohltuenden Schlaf.

Einen Haken hat der nächste Morgen allerdings. Mein Mann ist Frühaufsteher (5:00 Uhr). Er lehrt den Hund aus, gibt ihm Frühstück und schickt ihn zurück ins Bett. Hierfür haben wir alles soweit bedacht: Frühstück für Hund und Hundekacktüte waren griffbereit. Nun würde sich mein Mann erst einmal einen Kaffee genehmigen. Wenn denn der Kaffee und der Wasserkocher greifbar wäre. Leider haben wir im Planungseifer wohl vergessen, diese aus einer der Kisten in der Truhe zu nehmen. Der Weg dorthin wird leider vom Bett und der schlafenden Ehefrau versperrt. Er sitzt daher mit einem käuflich erworbenen Camping-Automatenkaffee im weißen Plastikbecher (1€) vor Eda und wartet auf seine erwachende Frau. Was sie dann auch eine Stunde später tut. Während wir unseren Wunschkaffee trinken, startet die Pilgerreise aufs Neue. Schlafanzüge und bunt gemusterte Nachthemden schlürfen mit zerzausten Frisuren Richtung Waschhaus. Amüsier. Amüsier.

Nach der sorgfältigen Planung der nächsten Etappe, dem ordnungsgemäßem Abbau und der sicheren Verstauung unserer Stühle, Tisch, Wasserkocher und weiteren Dingen, sind wir startklar. Startklar unsere Erfahrungen bezüglich griffbereiter Utensilien für den nächsten Morgen, beim nächsten Halt, umzusetzen. Während wir von unserem Stellplatz fahren, der für 14 Stunden unser Garten und unsere Terrasse war, winken uns die Nachbarn vom Frühstückstisch aus zu. Sie beißen gerade in ihr selbst geschmiertes Marmeladenbrot, füllen Plastikbecher mit einer dampfenden Flüssigkeit aus einer Thermoskanne. Nette Menschen. Freundliche Nachbarn. Ganz so falsch lagen wir wohl nicht mit unseren Camping-Vorstellungen. Mal sehen, ob diese bei unserem nächsten Stopp in Italien, auch erfüllt werden. Denn: anderes Land, andere Sprache, andere Sitten. Auch andere Camper?

Fortsetzung folgt.


© by Marita Matschiner

5 Gedanken zu „Living on the Etsch (Teil 2 Binsen-Land)

    • Roaring Mita sagt:

      Das Glurns überhaupt einen Schuhladen hat! Das fand ich unglaublich. Sollte ich mal unserem Bürgermeister vorschlagen. Das fehlt unserem Ort – und der ist sogar größer. 😉

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