Ein Jahr mit Gibson. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

12 unglaubliche Monate (eine etwas längere Geschichte)

Unser erstes Jubiläum mit unserem neuen Familienzuwachs! Kaum zu glauben, aber ein Jahr ist rum. Wenn ich so auf die letzten 12 Monate zurückschaue – wow da gab es viele Hochs. Aber auch extrem viele Tiefs. Jeder Tag war überraschend und anders als gedacht.

Am 12. Mai 2018 starteten wir den ersten gemeinsamen Tag mit einem Besuch beim Tierarzt. Nach einer Blutprobe von Gibson teilte man uns erst einmal mit, dass die Werte eine totale Katastrophe sind. Die Leishmaniose-Werte bewegten sich in exorbitanter Höhe. Die Nieren waren völlig im Eimer. Bei den Werten müsste er eigentlich schon lethargisch in der Ecke liegen. Der Grund, warum wir überhaupt dort waren, war ursprünglich ein anderer: seine offene Kastrastionswunde (pures Fleisch). Die war aber das geringste Problem. Am Ende des Termins meinte die Ärztin: Lebenserwartung drei bis sechs Monate. Das war ein Schock. Eine Nachricht, die wir so nicht hinnehmen wollten und auch nicht hingenommen haben. Die ersten Tränen flossen trotzdem. Ziemlich am Boden zerstört, fuhren wir wieder heim. Mit im Schlepptau eine große Tüte voll mit Medikamenten. Ab jetzt hieß es, jeden Morgen und jeden Abend unterschiedliche Tabletten in unterschiedlicher Dosierung. Mal davon abgesehen, dass eine spezielle Diät Pflichtprogramm ist. Wichtig: er muß wegen seiner Nieren mindestens alle paar Stunden vor die Tür und Pippi machen. Lebenslang. Auch bei seinen Allopurinol-Tabletten bekam er lebenslänglich. Wie lange seine Zeit auf Erden auch sein wird. Mhhhh. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Wieder zuhause stellten wir fest, dass er außer Essen, Schlafen, Trinken, Pippi und sein Geschäft erledigen, gar nichts konnte. Weder die Grundbefehle noch Treppen steigen. Sein Fell war struppig und überall kahle Stellen. Barthaare waren auch keine vorhanden. Unsere größte Herausforderung war aber: er mußte dringend zunehmen. Er lag unter 25 Kilo. Was bei der Grösse echt zu wenig ist. Er war nur Haut und Knochen. Sogar zu schwach um sich mit dem Hinterlauf zu kratzen. Er kippte jedes mal um.

Nach zwei Monaten entschlossen wir uns einen Hundetrainer aufzusuchen. Als Ergänzung legten wir noch Anti-Jagd-Training oben drauf. Da Gibson den Eindruck machte, total von der Rolle zu sein und immer nur Vollgas geben zu wollen, gingen wir auch zu einer Verhaltenstherapeutin. Dort stellte sich dann heraus: Deprivationsstörung. Er wurde zu früh von Mama und den Geschwistern weggenommen und kam wohl in Einzelhaft. Daher hat er keine Erziehung und Prägung genossen und keinerlei Sozialisierung erhalten. Er kann mit Strenge und Disziplinarmaßnahmen nichts anfangen. Ebensowenig wie mit der Leine. Im Kopf war der Zweijährige noch ein Baby. Um es leichter verständlich zu machen: stelle ein dreijähriges Kind in den Eingang eines Toys’R’Us uns sage: Viel Spaß! Das was dann passiert, passiert auch bei Gibson, wenn die Haustür aufgeht. Oder das Gartentürchen. Oder die Bürotür. Oder welche Tür auch immer. Aaaaaattaaaaaaaaaacke! Zusätzliche Erscheinung bei seiner Störung: Ein normaler Hund braucht durchschnittlich 20–30 Wiederholungen, um etwas zu erlernen. Gibson braucht dafür rund 100 Wiederholungen. Manchmal auch noch mehr. Ein weiterer Sachverhalt, die es zu akzeptieren galt.

Kaum stellten sich die ersten Erfolge ein, bekam er im Herbst plötzlich heftigen Husten und wir mußten mit dem Hundetraining stoppen. Zu Weihnachten mußte er wegen Schmerzen stationär in die Klinik aufgenommen werden. Röntgen und CT ergaben: ein Knochensplitter wandert an der Wirbelsäule umher. Das musste eine alte Verletzung sein und war anscheinend die Ursache. Ich will gar nicht wissen, was ihm da in seinem Verlies widerfahren ist. Wir waren kurz davor, ihn einschläfern zu lassen, wenn das nicht der Grund für die Schmerzen sein sollte. Aber nach der Entnahme dieses Splitters durfte Gibson wieder mit nach Hause und zeigte sein altes Verhalten. Es war der teuerste Couchurlaub meines Lebens.

Heute. Fünf Monate später. Gibson hat nun endlich über 30 Kilo stabil auf der Waage und Barthaare sowie Wimpern. Sein Fell ist wie Kaschmir. Die Blutwerte sind unfassbar gut. Seine Ärztin war den Tränen nahe. »Wenn man es nicht wüßte, wie krank er war, würde man es anhand des Blutes nicht erkennen.« YES! Gibson ist in der Tierklinik bekannt wie ein bunter Hund. Naja, wie ein braun-weißer Hund. Gesundheitlich ist er ein Wunder und keiner hat eine Erklärung dafür.

Seine inneren Werte sind ein Traum. Er ist ein Guter. Lieb, brav, kuschelig, hört (mehr oder weniger) und freut sich über jeden Menschen und jeden Hund. Er läuft frohlockend auf jeden zu. Man kann förmlich sehen wir er ruft »Hey, wer bist denn du? Lass uns spielen!«. Er beherrscht jetzt fast alle Grundregeln: Sitz, Platz, Aus, Nein, Bleib. Und das relativ zuverlässig. Der Stop-Befehl funktioniert von Tag zu Tag besser – ebenso das Steh. Zusätzlich haben wir »Rechts«, »Links« und »Turn« eingebaut. Das brauchen wir für die Laufeinheiten und den Cross-Roller. Das sind die beiden Möglichkeiten ihm seinen Bewegungsdrang nachgeben zu können. Freilaufen ist leider noch nicht möglich. Weil das Abrufen noch sehr zu wünschen übrig lässt. Das mit dem gemeinsamen Joggen mußten wir leider endgültig im Februar einstellen. Denn in der Zwischenzeit sind mein Mann und ich körperlich ziemlich lädiert. Wir besuchen regelmäßig unsere Physiotherapeuten und Osteopathen. In unserem Badezimmerschrank ist eine Riesenauswahl an Schmerzgels, Tigerbalsam und anderen Mitteln – wir könnten einer Apotheke Konkurrenz machen. In den vergangen zwölf Monaten hat unsere Gesundheit zusätzlich einige Herausforderungen zu bewältigen gehabt, die leider alle Gibson zuzuschreiben sind. Von einer Hornhautverletzung mit einem Besuch in der Augenklinik am Sonntagabend bis hin zu einer riesigen Beule an der Stirn, die aussah wie ein Hühnerei. Etliche blaue Flecken, Brandwunden von der Schleppleine, ausgekugelte Finger, Bänderdehnungen, offene Lippen. Last but not least entzündeter Ischiasnerv, unter dem mein Mann und ich heute noch leiden. Kratzer brauche ich wohl nicht erwähnen. Das war unser Standard-Hautschmuck in den letzten Monaten. Ein Kollege machte sich letzten Sommer einen Spaß daraus, dass er einschreitet, wenn mein Mann nicht bald aufhört mich zu verdreschen. Ha-Ha! Sehr witzig.

Gibsons Schrank ist aber auch nicht zu verachten: insgesamt sechs verschiedene Leinen (und da sind die von ihm zerstörten nicht mitgerechnet). Mehrere Geschirre. Gefühlt hat er 30 Bälle in unterschiedlichen Härtegraden und Größen zerstört. Um einen Erwachsenensitzball ins Nirvana zu schießen, hat er gerade mal 30 Sekunden gebraucht. Selbst ein Basketball ist nach 1,5 Minuten vor lauter Schreck explodiert. Sein erstes Kuschelschwein »Piggy« hat nur noch ein Ohr und ein Bein und eigentlich keinen Hintern mehr. Die Nase ist von mir mehrmals geflickt worden. Aber ich kann mich einfach nicht davon trennen. Mamas halt. Da er möglichst kein Fleisch und schon gar keine Innereien essen darf, haben wir eine begrenzte Auswahl an Leckerlis. Natürlich von ganz speziellen Lieferanten, bei denen ich diese in Massen bestelle. Die Schranktür geht nach einer Lieferung manchmal gar nicht mehr zu. In der Zwischenzeit hat er auch ein eigenes Tagebuch, in dem ich Gewicht, alle Besonderheiten sowie neu erlangte Fähigkeiten eintrage. Falls er beim Sport doch einmal abhanden kommen sollte, haben wir uns zu einem Tracker entschieden. Allerdings funktioniert das GPS bei uns in der Pampa nicht wirklich gut. (Wer also eines brauch – ich hätte eines zu verkaufen.) Ein Ersatz mußte her. Die »Freunde-App« auf dem Handy funktioniert mit LTE wunderbar. Tja, was soll ich sagen. Gibson ist wohl der einzigste Hund auf der Welt, der ein eigenes iPhone hat. Dieses ist an seinem Sporthalsband befestigt.

Unser Baby-Gibson hat uns in den letzten Monaten viele Nerven gekostet. Auch viel Geld. Aber es gibt einfach Dinge, die kann man nicht mit Geld aufwiegen. Wenn er vor lauter Freude auf einen zudonnert, mit seinem roten Ball im Mund und man ihn schon fast hört, wie er ruft: »Da bist du ja! Lass uns spielen!«. Oder wenn wir abends alle zusammen auf der Couch liegen, er sich an einen kuschelt und ein zufriedenes Grunzen von sich gibt, sind alle Investitionen, alle Sonderlocken und alle Schmerzen vergessen.

Willkommen in Deinem zweiten Jahr in Deiner dich liebenden Familie, Gibson! Wir sind sehr gespannt, was die kommenden 12 Monate mit dir zu bieten haben. Denn das erste Jahr kommt anders und das Zweite als man denkt.

© by Marita Matschiner

Kokosexplosion

Im Büroalltag ist für mich eine kleine Nachmittagssünde in Form von etwas Süßem ganz wichtig. Es muss nicht immer ein Stück Kuchen sein. Es geht auch mal eine Tafel Schokolade. Ich bevorzuge in den meisten Situationen tatsächlich die leider Umweltbelastenden, ewig haltbaren und möglichst portioniert eingepackten Süßigkeiten (und ja, ich schäme mich dafür!). Der Schokoanteil sollte bitte möglichst hoch sein. Und wir reden hier jetzt nicht von der Zartbitterschokolade. Bei der rollen sich meine Fußnägel auf und gleichzeitig weigern sich meine Geschmacksknospen im Mund partout ihren Job zu erledigen. Sieht ja noch nicht mal lecker aus. Dunkel und matt. Steinhart ist sie meist auch noch. Meilenweit entfernt von der mir bevorzugten Version: ein leichtes, weiches Braun mit einem dezenten Glanz. Im Mund wird es dann ganz doll cremig und langsam zerläuft dieses schmierige Etwas und erreicht jede Geschmackszelle. Wie ein Lavastrom, der langsam einen Berg runterschmilzt. Jeder erreichte Millimeter veranstaltet umgehend eine Superparty. Mhhhh. Yamyam. Akuter Speichelfluss.

Besonders praktisch an der portionierten Nascherei: sie ist relativ sauber. Ausnahme: Kinder bekommen sie in ihre unkontrollierten Hände. Dann könnte es völlig ausarten. Von den Händen übers Gesicht bis runter zum Shirt und Hose. Mal vom Fußboden ganz abgesehen. Aber ich bevorzuge ja die kleinen verpackten Leckereien. In der Größe einer Mundportion. Ein Happs und alles ist fein und sauber. Regulär funktioniert das auch ganz gut. Bis auf, ja bis auf.

Gestern fiel meine Aufmerksamkeit an der Lebensmittelkasse auf Raffaello. Diese weißen Strand-Kokos-Hut-Pralinen mit einer ganzen Mandel in der Mitte. Viererpack. Perfekt für einen Nachmittag. Um 14:30 Uhr war es dann so weit. Der Nachtisch zum Nachmittag. Habt Ihr schon einmal so eine Packung aufgemacht? Der superkreative Diplomingenieur, der sich das ausgedacht hat, gehört entlassen. Fristlos.

Man startet mit der äußeren Verpackung. Um diese aufzubekommen nimmt man den überlappenden Plastikfalz der Verpackung und zieht diesen vorsichtig in die entgegengesetzte Richtung. Nur ist diese Lasche an der unteren Seite angebracht. Ich möchte noch einmal kurz in Erinnerung rufen: Raffaello ist von innen nach außen wie folgt aufgebaut. Eine ganze Mandel – Milchcreme – Waffel – Kokosraspel. Gebettet wird diese Superkalorienbombe auf einem kleinen weißen Pralinenpapier mit Riffelchen an der Seite. Wollen wir jetzt noch einmal kurz Eins und Eins zusammenzählen? Kokosraspel außen auf der Praline und damit auf Papier in einer Plastikhülle. Die Zellophanverpackung reißt man unten auf. Was passiert dann? Genau: der Schreibtisch sieht aus wie Sau! Überall fliegen diese kleinen Kack-Kokosraspel durch die Gegend. Unter dem Mausepad. Auf dem Tisch. Und sogar auf und in der Tastatur! Jetzt die nächste Herausforderung: ich will unbedingt an die Kugeln kommen. Da ich ruckartig aufgehört habe, das Zellophan weiter auseinanderzureißen (denn es wären alle Kugeln von ihrem Papiertellerchen unkontrolliert in dem Großraumbüro herumgekugelt), versuche ich schnell und jetzt auch noch sabbernd, an diese Köstlichkeit zu gelangen. Mir bleibt die Wahl. Entweder die Packung ganz aufreißen und damit die ganzen losen Kokosflocken ungewollt durch die Gegend fliegen zu lassen (die Kugeln wären dann zumindest noch heile). Oder die Verpackung jetzt so zu lassen wie sie ist (Öffnungsgröße entspricht einer Kugel ohne Papierteller) und die Kugeln einzeln rausgepuhlt zu bekommen. Ich entscheide mich für das zweite Vorgehen. Ich puhle und puhle und versuche mit möglichst wenig Verlust vom Kokoskram an eine heile Kekskugel zu kommen. Sie zerbröselt leider in viele kleine Teilchen. Die auftauchende Milchcreme könnte auch als Kleber dienen. OK. Bei der nächsten muss ich noch behutsamer vorgehen. Neue Strategie: von unten die Tüte leicht drücken und die Kugel damit nach oben schieben. Shit. Der Druck war wohl zu groß. Die Kugel schießt an mir vorbei. Direkt auf den Fußboden. Auf dem Teppich bleibt ein kleiner Kreis von weißen Raspeln als Hinterlassenschaft. Die Dritte schieße ich mir direkt in den Mund und kriege einen Hustenkrampf von den losen Kokosraspeln. Die sind direkt in meinen Rachen geflogen und haben dann brav der Schwerkraft nachgegeben. Sie rutschen mir die Luftröhre runter. Die Kugel folgt den Kokosflocken im Sturzflug hinterher. Ich fange an zu würgen und versuche durch kräftiges Husten die Kugel wieder hervor zu bekommen. Mit Erfolg. Ich kann sie gerade noch vor dem ungewollten Sturzflug auf den Boden retten. Die Nummer Vier wird wieder mit der ersten Methode versucht. Was mehr schlecht als recht funktioniert.

Das Ende vom Lied: Die Milchcreme hat sich auf meinen Lippen und dem Kinn verteilt. Die Finger kleben wie Hölle von der Milchcreme. Ich glaube ein bisschen hängt sogar in meinen Haaren. Der größte Teil des schmierigen Zeugs ist auf der Laptoptastatur gelandet, zusammen mit diesen Raspeln. Um mich herum sieht es aus, als ob einige Kokosnüsse explodiert sind. Ich und mein Umfeld sehen aus wie eine 3-Jährige, die unkontrolliert versucht hat, ihr erstes Milcheis zu verschlingen. Ist mir egal. Ist nun mal mein Laster. Ich trage gerne die Konsequenz. Denn ich bin seelig. Ein paar Kugeln – leider nicht alle vier – gehören mir und haben mir den Tag versüßt.  Ich lächle zufrieden und mit Endorphinen gestärkt in meinen Bildschirm und gehe meiner Verpflichtung nach.

© by Marita Matschiner

 

Ein Gibson steht im Walde – ganz still und stumm

Ein Gibson nachdem er im Wald war

Der „Knirps“ ist nun seit 13,5 Wochen bei uns. Ich bin äußerst überrascht, was so läuft bzw. nicht läuft. Wie und was mit Gibson funktioniert oder eben auch nicht. Manches auch so leider überhaupt gar nicht. Kurz in die Runde gefragt: gibt es eigentlich eine Steigerung von „überhaupt gar nicht“?

Das wir ihn erst mit seinem neuen Namen konfrontieren mussten, war ja klar. Das hat er relativ schnell kapiert. Wer sollte auch sonst gemeint sein, wenn alle Anwesenden in seine Richtung starren und laut und immer wieder „Gibson“ in unterschiedlichsten Tonlagen trällern. Am Abend ging es dann frohen Mutes in den ersten Stock in unsere Wohnung. Nur wer kam nicht mit? Richtig: Gibson. Der Wurschtel wehrte sich mit allen vier Pfoten, die Treppen hoch zu tapern. Mein Mann musste ihn hoch tragen. Er konnte es gar nicht. Hat es nie gelernt. Also am nächsten Tag: Treppen steigen üben. Was für unser eins so völlig normal und selbstverständlich ist, hat uns ganze zwei Tage Training gekostet. Überraschung: runter ging übrigens auch nicht. Nächste Herausforderung. Für das wieder runter kommen brauchten wir dann zusätzlich noch einen Tag. Zumindest konnte er jetzt selbstständig Treppensteigen. Machte es einfacher.

Essen war überhaupt kein Thema. Gibson hat einen gesunden Appetit und isst irgendwie alles. Darf er aber nicht. Aus gesundheitlichen Gründen müssen wir eine spezielle Ernährung einhalten. Da er sowieso zunehmen muss, nutzen wir seinen guten Essenswillen mit Gibson-konformer Nahrung massiv aus. Was natürlich Folgen hat: der Bube muss oft sein Geschäft erledigen. Gerne auch mal viel. Auch in unterschiedliche Farben und Formen. Da die Haufen zeigen, wie und was er verträgt, war das ein wichtiges Thema. Nach zirka zwei bis drei Wochen kam ich mir vor, wie ein Internist, der auf Ausscheidungsmöglichkeiten und deren Gründe spezialisiert ist. Der abendliche Jobtalk mutierte zum Wie-hat-unser-Hund-geschissen-Talk. Unglaublich wie viele unterschiedliche Adjektive wir fanden, um die Ausscheidungen unseres Hundes fast bildlich darzustellen. Für die von Euch, die jetzt auch Bilder im Kopf haben: Blumenwiese, Katzenbabys, rosa Elefanten.

Wieder gut jetzt? Fein. Dann weiter. Gibson durfte sich dann auch erst einmal von den Eltern unserer Patenkinder durchknuddeln lassen. Ebenso von unseren Patenkindern selber. Mal so: er liebt sie alle. Ganz besonders steht er auf unsere zwei Nachbarn im Haus. Unglaublich, wie schnell er so eine enge Bindung zu diesen zwei Menschen aufgebaut hat. Dauerte nur ein paar Minuten. Jetzt wird bei Sichtung alles gegeben. Vom Fiepen und Schwanzgewedel bis kurz vor dem Abheben ist alles dabei. Am Ende wird gekuschelt bis es kein Morgen mehr gibt. Mit allen Menschen in unserem Umfeld funktioniert es großartig. Zuhause, im Büro und im Auto. Gibson ist der bravste, beste, tollste, liebste, süßeste (ich hab noch ganz viele Begriffe in der Art) Hund den es gibt.

Einen Haken hat die ganze Sache! Natürlich. Muss ja. Sein momentaner Spitzname bei uns ist der Gibsonator. Eine Idee warum? Wie oben erwähnt: Daheim, im Büro, im Auto und auf unserem Grundstück ist er unglaublich toll. Sobald wir allerdings auch nur annähernd den Hof verlassen, mutiert dieses perfekte Wesen in einen Gibsonator. Alles ist interessant. Interessanter als seine Leinenhalter. Er gibt Gas. Volle Pulle. Er will alles entdecken, was es zu entdecken gibt. Ein Schmetterling. Ein Grashalm. Ein Baum. Ein Radfahrer. Ein vorbeifahrendes Auto. Völlig egal. Einfach alles. Sprüche wie „Wo geht denn der Hund mit Dir Gassi?“ oder „Wer geht hier mit wem Gassi?“ können wir schon nicht mehr hören. Auch diese mitleidsvollen Gesichtsausdrücke helfen uns nicht wirklich. „Der ist aber noch sehr jung und ungestüm!“ ist noch die angenehmste Bemerkung. In der Zwischenzeit erklären wir nicht mehr die Situation, sondern nicken nur noch. Wo nur zum Henker ist der Ein-und Ausschaltknopf von diesem Hund? Selbst ein Hubschrauber lässt ihn völlig abschalten. Dort steht er dann mitten in der Pampe zur Salzsäule erstarrt und stiert diesem Flugungetüm hinterher. Gerne auch mal ein paar Minuten. Völliges Innehalten. Dann zerrt er uns wieder durch die Gegend. Die in der Zwischenzeit erreichten 27,8 Kilo fühlen sich in die Leine gestemmt an wie ein LKW. Unsere Körper haben sich radikal verändert. Muskeln die ich noch nicht mal annähernd erahnt habe sind plötzlich da. Jahrelange Situps und Liegestützen haben nicht das gebracht, was ein Gibsonator in nur 3 Monaten geschafft hat.

Nur löst dieser Muskelaufbau nicht unser Problem. Das Internet hat eine Menge zu dem Thema Leinenführigkeit und Aufmerksamkeit zu bieten. Es gibt dort alles. Tipps ohne Ende. Anleitungen wie es besser laufen kann. Wie man den Hund auf sich fokussiert bekommt. Leider hat nichts geholfen. Also blieb nur Hundeschule. Dort hatten wir jetzt einige Stunden. Es wird besser. Aber ihr hättet mal das Gesicht der Hundetrainerin sehen sollen, als er letzte Woche wieder so einen Aussetzer hatte. Nichts funktioniert mehr in so einer Situation. Namen rufen. Leckerli. Trallala. Singen. Pfeifen. Wild gestikulieren. Wir machen uns dann so richtig zum Obst. Nichts hilft.

Sobald unsere Nerven dann mal wieder blank liegen, beten wir uns immer wieder vor „Das wird schon!“. Konsequente Erziehung, Strenge, Disziplin, viel Bewegung und jede Menge Liebe wird schon helfen. Nicht nur Gibson muss lernen, wir auch. Besonders wir. Und er ist ja auch erst 3 Monate bei uns. Er kann ja nichts dafür. Alles andere ist super, perfekt, ganz wunderbar. Er hat sich toll eingelebt. Keinerlei aggressives Verhalten. Null Gebelle. Lieb, aufmerksam und kuschelbedürftig. Gesundheitlich geht es auch bergauf. Was will man mehr. So reden wir uns dann die Welt schön und alles ist wieder gut.

Trotzdem ist es schon irre, was mitten im Spielen oder Training nur eine vorbeifliegende Libelle auslöst. Schwupp, ist er raus. Aber auch so völlig raus. Er ist dann in seiner eigenen Welt. In der Gibson-Welt. Dort verharrt er, ganz still und stumm. In meinem Hinterkopf schaltet sich dann immer dieses Kinderlied in leicht veränderter Form auf volle Lautstärke: Ein Gibson steht im Walde – ganz still und stumm. Und ich wünschte mir, ich könnte neben ihm stehen. Auch ganz still und stumm. Ohne Trallala, Singsang, Pfeifen, wild gestikulierend oder 100-mal Gibson rufend, nur um seine Aufmerksamkeit zu erhalten. Aber irgendwann, irgendwann werden wir den Schalter finden. Dann stehen wir alle im Wald, in der Gibsons-Welt, und haben vor lauter Purpur ein Mäntlein um.

©by Marita Matschiner

Die Dunkelheit der Wildnis (Teil 5 Binsen-Land)

Die Dunkelheit der Wildnis – pic by Achim Matschiner

Jetzt geht es ans Eingemachte. Und ich rede nicht von Himbeermarmelade oder Zwetschgenkompott. Die Rede ist vom wilden Campen. Hierzu habe ich eine sehr romantische und weichgezeichnete Vorstellung. Ruhe. Stressfrei. Wenig oder keine Menschen. Natur. Wind. Sternenhimmel. Wenn Bären, dann nur die Him-, Blau- und Erdbeeren. Eine wirkliche Herausforderung sehe ich bei der Planung: alle notwendigen Dinge dabei und eingepackt zu haben. Denn mal eben zum Kiosk an der Ecke gehen, um die vergessene Zahnbürste zu kaufen, ist in diesem Falle etwas schwierig – mitten im Nirwana. Improvisieren kann man ja immer irgendwie. Aber aus Ästen, Blättern und einem Kaugummipapier eine Zahnbürste basteln? Muss ja nicht sein. Wir heißen ja auch nicht Mac Gyver. Daher besser alles vorab geplant und eingepackt.

Morgen ist Feiertag und das Wetter ist perfekt für unseren ersten Wildcamping-Ausflug. Am späten Nachmittag brechen wir auf. Der Weg führt erst einmal über eine Bundesstraße, dann Autobahn. Nach gefühlten 30 Minuten sind wir auf einem einsamen und holperigen Kiesweg gelandet. Jetzt schon weit ab vom Schuss. Vorbei an einsamen, halb verkommenen Bauernhöfen und ausgestorbene Gasthöfen. Durch einen Wald, über Holzbalken mitten hinein in die Einsamkeit. Links von unserem Kiesweg geht es steil Bergab, rechts geht es steil Bergauf. Ich sitze kerzengerade auf meinem Beifahrersitz. Jeder Muskel steht unter Spannung. Meine Nägel verewigen sich völlig unkontrolliert in die Handinnenflächen. „Lieber Herrgott. Bitteee, lass uns kein Auto entgegenkommen!!!“ Jetzt geht es auch noch steil bergab. Oh man, ich komme mir vor wie in einer Achterbahn. Um die Kurve rum und da jauchzt mein Mann neben mir: „Da ist es! Wir sind da! Schau wie schön. Und wir sind ganz alleine.“

So viel Wildnis. Soviel Bäume. Direkt an der schönen Ammer. Dieser Platz ist garantiert für jeden Kanuten ein Traum. Vor uns eine Brücke, die zum stillgelegten Wasserkraftwerk Kammerl führt und die für morgen geplante Wanderung der Startpunkt ist. Die Ammer wird hier rechts mit Wald gesäumt und auf der anderen Seite mit großen Steinen. Hier bleiben wir. Ganz klar.

Stühle und Tisch sind aufgestellt. Markise ausgerollt. Boah, wie schön. Kein Handyempfang. Keine Störungen. Die Natur spielt ein Lied für uns. Bäume quietschen und bewegen sich im Wind. Vögel zwitschern. Grillen zirpen. Da fährt ein WOMO mit zwei Kanus auf dem Dach auf uns zu. Ein junges Pärchen steigt aus. Begutachtet den Wasserstand. Steigen wieder in Ihr Womo ein. Sie fängt an zu kochen, während er Zeitung liest. Danach schließen sie von innen die Tür und schalten das Licht aus. Kurz darauf kommt ein VW Bus um die Ecke. Eine Familie mit zwei Kindern. Schauen sich auch den Wasserstand und die Gegend an. Gehen zum Bus, parken um, essen ein paar belegte Stullen und gehen schlafen. Da sitzen wir wieder in der Einsamkeit. In der totalen Stille mitten im Sonnenuntergang und fühlen uns schon wieder wie Hippies! Nach dem Sonnenuntergang folgt Dunkelheit. Und ich meine Dunkelheit. Kein Licht. Keine Straßenlaternen. Keine Ortsbeleuchtung. Einfach nur pure Schwärze und der Sternenhimmel über uns.

Auch Hippies müssen irgendwann schlafen. Daher ist jetzt Sleepiezeit. Man sieht ja eh nix mehr. Mein Mann entscheidet sich, auf der Liege unter freiem Himmel zu nächtigen. Schlafsack ausgerollt und gut ist. Henry und ich schlüpfen in unser Hochbettchen im Bus. Ich genieße noch ein paar Seiten auf meinem Kindl. Immerhin habe ich ihn mir speziell für diese Ausflüge gekauft. Denn mit Stirnlampe zu lesen ist unbequem und lockt unnötig Mücken an. Darum habe ich mich zu dieser elektronischen Lösung durchgerungen (eigentlich bevorzuge ich Papier), um mich in den Schlaf zu lesen. Ist super. Klappt nämlich. Zumindest für zirka eine Stunde. Dann schrecke ich hoch und muss dringend der Natur ihren Lauf lassen. Pippilotta haben wir mit dabei. Aber mitten in der Nacht aufbauen? Ach, da geht doch auch das Waldstück. Schnell nach der parat hängende Stirnlampe greifen und leise die Tür öffnen. Damit der Hund, mein Mann und auch die zeitweiligen Nachbarn nicht wach werden. Soll ja keiner sehen wie ich in Shorts, T-Shirt, Uggs (völlig unterschätzte Campingschuhe) und mit schräg sitzender Stirnlampe auf den zerzausten Haaren in den Wald husche. Aber erst die Stirnlampe anschalten. In dieser unbekannten, dunklen Welt macht es durchaus Sinn ein bisschen was zu sehen. Ich will ja nicht in den Bach stürzen oder gar gegen den nächsten Baum laufen. Hoffentlich sieht auch keiner das Licht. Kaum hab ich diesen Gedanken gedacht, schon geht mein Kopfkino los: Wie sich Vorhänge im WOMO zur Seite schieben, das junge Pärchen mich amüsiert beobachtet. Es gibt nicht so viele natürliche Dinge, die mir wirklich peinlich sind. Aber das irgendwie schon. Warum eigentlich? Ach, die Blase drückt. Kopfkino, aus! Ende! Ich stolpere ein paar Schritte weiter. Bin ich da gerade auf eine Schleimschnecke getreten? Oder war das eine Schlange? Schnell die Stirnlampe auf dem Kopf einschalten. Shitt. Den Knopf habe ich gefunden. Aber bewegen tut er sich nicht! Mann, echt jetzt! Nochmal runter vom Kopf. Konzentriert reiße ich die Augen auf, um in der verdammten Dunkelheit zu sehen, in welche Richtung ich diesen scheiß Knopf bewegen muss! Ah, jetzt bewegt er sich. SCHEISSE! Au! Das tut weh! Der Schmerz bohrt sich wie glühende Nadeln durch die Augen, direkt in meinen Hinterkopf! Die Lampe ist endlich an. Ich Depp habe den Lichtstrahl direkt in die Augen gehalten. Hilfe! Ich bin blind! Jetzt kann ich gar nichts mehr sehen. Ich setzte die Stirnlampe auf und husche schnell in die Richtung, wo der Weg in den Wald gehen müsste. Ich blinzle die Flecken weck, die sich nun langsam ins Sichtfeld schieben. Schnell hinter das Gebüsch und gut ists. Wieder zurück. Die Schuhe lasse ich vorsichtshalber vor dem Bus stehen. Wer weiß in was ich da getreten bin. Bloß nicht drüber nachdenken! Sonst finde ich gar keinen Schlaf mehr. Rosa Elefant. Blumenwiese. Ha, erfolgreich abgelenkt. Zufrieden huschle ich mich wieder zurück ins Bett. Zurück zu meinem Hund.

Nächster Morgen. Kaffee. Unsere Nachbarn schlafen alle noch. Komisch. Die sind gegen 21:00 Uhr alle ins Bett gegangen und schlafen um 7:30 immer noch? Ich dachte immer, der frühe Vogel fängt den Wurm. Gilt wohl nicht für junge Pärchen, die Kanu fahren wollen. Wir machen Katzenwäsche am Fluss, putzen die Zähne. Ziehen die Wanderschuhe an und los geht’s. Auf zu den Schleierfällen. Wir erreichen sie innerhalb kürzester Zeit. Schön sind sie und toll. Beeindruckend, was die Natur von alleine, ohne fremde Hilfe, für Schönheiten erschaffen kann. Irre. Und wir Menschen schaffen es ausnahmsweise auch tatsächlich, diese Schönheit zu erhalten und nicht zu zerstören. Gut so. Weitermachen.

Auf dem Rückweg kommen uns alle 5 Minuten neue Wanderer entgegen. Wo kommen die denn alle her? Zurück am Bus stellt sich uns noch eine weitere Frage: Wann und wie sind die ganzen Busse, Womos und Kangoos hier angekommen? Es müssen um die 30 Autos sein. Alles pilgert entweder mit Rucksack Richtung Wanderweg oder mit Kanu Richtung Wasser. Mein lieber Herr Gesangsverein. Da wird dann auch kräftig was los sein heute.

Während alle anderen jetzt um den besten Platz im Wasser, am Wasserfall oder im Stau kämpfen, gehen wir erst einmal gemütlich Mittagessen. Bis die alle an ihrem Ziel angekommen sind, sind wir schon wieder daheim. So mag ich das. So habe ich mir das vorgestellt, das wilde Campen zu wilden Zeiten. Und hierfür ist Eda auch vorgesehen. Das wird nun einer ihrer Aufgaben sein. Uns sicher und heile an einen ruhigen Platz bringen. Uns in der Nacht Schutz bieten und dann wieder sicher und heile nach Hause bringen. Danke Eda! Du hast mir wieder einmal erfolgreich geholfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu entdecken. Und apropos Augen: bei nächsten Trip werde ich vorsichtshalber eine Sonnenbrille neben die Stirnlampe hängen. Sicher ist sicher.

© by Marita Matschiner

    

Vorfreude ist die schönste Freude – wenn da nur nicht diese beschissene Warterei wäre

Gibson makes the World go round – pic by Achim Matschiner

Wir bekommen spät Abends von einer Freundin ein Foto von einem Hund zugeschickt. Er sucht dringend ein neues Zuhause. Momentan ist er in Montenegro und hat kein gutes Leben. Und leider auch keine tolle Zeit hinter sich. Er muss dringend aus diesem kleinen und dreckigen Zwinger raus. Ob wir nicht jemanden mit einem sportlichen und aktiven Leben kennen, der sich einen braven, verspielten und liebevollen Hund als Familienmitglied vorstellen könnte. Mmmhhhh? Das hat sie ja mal genau richtig eingetütet: ein schlimmes Foto mit einer herzzerreißenden Geschichte. Seine Augen so vertrauensvoll. Mit viel Gefühl, aber trotzdem unheimlich traurig. Armes Kerlchen. Für uns steht fest: den müssen wir kennen lernen! Im Fernsehen läuft gerade „Braveheart“. Ein im Gesicht blau angemalter Mel Gibson wedelt wild mit einem Schwert und brüllte aus Leibeskräften. Und schon hat der Hund intern bei uns einen neuen Namen: „Gibson“. Erste Bindungsphase abgeschlossen. Eine unterbewusste Vorfreude wabert langsam durch unsere Gedanken.

Nach einige Diskussionen und etlichen Gesprächen haben wir uns entschieden: Gibson wollen wir nicht nur kennenlernen – er soll bei uns ein neues Nest finden. Ein neues Zuhause. Mit viel Liebe und Aufmerksamkeit. Dinge erleben, die Welt entdecken und jede Menge Bewegung und Sport haben. Spiel, Spaß und Spannung quasi inklusive. Ein Gibson-Überraschungsei!

Vier Wochen müssen wir warten bis wir endlich einen Liefertermin haben. Hört sich krass an, oder? Ein Liefertermin für einen Hund. Nicht für ein Bett, einen Schrank oder eine Mülltonne. Nein. Für einen Hund. Umgehend haben wir den geplanten Urlaub mit Freunden abgesagt. Das Familienfest in Niedersachsen auch gleich. Wir wissen, wir haben mit der Absage einige Familienmitglieder und Freunde enttäuscht. An dieser Stelle ein ganz, ganz großes und herzliches DANKE. Danke, dass ihr alle, jeder in seinem Maße, Verständnis für unsere Situation hattet und habt. Es kommt für uns ein neues Familienmitglied. Wollen wir dann umgehend mit ihm auf Reisen gehen? Stundenlange Autofahrten? Fremde Umgebungen? Viele unbekannte Menschen? Nein! Das kommt für uns nicht in Frage. Er soll erst einmal ankommen. Uns und seine neue Umgebung kennenlernen. Nicht mehr hin- und hergeschubst werden. Sich endlich mal willkommen fühlen und Geborgenheit kennen lernen.

An unserem ersten Urlaubstag können wir ihn bei einer Privatfamilie im Laufe des Tages abholen. Ich nutze den Vorabend und zeige mich als verantwortungsbewusste Hunde-Mama: shoppen für den Hund. Das neue Körbchen steht seit Wochen parat. Leine, Halsband und Handtücher liegen schon ewig an ihrem Platz. Ebenso neue Näpfe. Wir, äh sorry, Gibson braucht nur noch ein bisschen Spielzeug und ein Kuscheltier. Pssst! Ich will jetzt nichts hören von wegen „Ist ein Hund!“ oder „Immer diese Vermenschlichung!“. So bin ich. So ist mein Mann. Gibson soll sich wohl bei uns fühlen. Wir wollen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und immerhin, ein Kuscheltier schadet niemandem. Auch einem Hund nicht. Während ich so im Hundeparadies stöbere ereilt mich ein Anruf. Die Fahrer des Gibson-Transport sind früher los und kommen daher schon heute statt morgen an. So gegen 22:00 Uhr. Umso besser. Kriegen wir hin. Die Vorfreude steigt. Jetzt erst einmal weitershoppen – alles gut. Das erstandene Spielzeug (Ball, Frisbee und Knotenseil) wird daheim erst einmal voller Stolz präsentiert. Gegen 20:00 Uhr kommt wieder ein Anruf. Die Fahrer stehen im Stau und sind erst gegen 0:00 Uhr am Übergabeort. Doof, aber hey, was solls. Passt schon. Dann kommen wir eben gegen 0:00 Uhr. Kaffee und Red Bull werden das schon hinbekommen. Unsere Nervosität und Aufregung übernehmen den Rest.

Um 23:00 Uhr ziehen wir Schuhe und Jacke an. Da schrillt das Handy. Die Fahrer stehen wieder im Stau. Wird wohl erst 3:00 Uhr morgens. Mmmhhh. Kann man nichts machen. Stehen wir auch noch durch. Eh schon egal.
Um 2:00 Uhr noch ein kurzer Check vor der einstündigen Fahrt: Leckerlies, Wasser, Napf, Halsband und Leine. Für den Notfall auch schon die erste Kacktüte. Vorsichtshalber noch eine zweite. Alles am Start. Wir düsen los. Das erste Drittel haben wir hinter uns, als das Telefon erneut klingelt. Leicht verschlafen erzählt uns eine weibliche Stimme, dass es leider doch noch etwas länger dauert. Aber 5:00 Uhr sollte klappen. Wo ist die versteckte Kamera? Hier veräppelt uns doch einer! Muss das sein? Scheint wohl so. Ändern können wir es ja eh nicht. Da müssen wir jetzt durch. Und Gibson leider auch.

Da fahren wir nun. Mitten in der Nacht. Zu weit weg von daheim, um noch einmal umzudrehen. Zu früh dran, um bei der Übergabestelle die Straße hoch und runter zu laufen. Unser Adrenalinspiegel steht auf super-duper-Level und wir sind hellwach. Wir wollen doch nur diesen Hund. Unseren Gibson endlich in die Arme nehmen! In der Nähe vom Zielort gibt es einen Autohof an der Autobahn. Den peilen wir an. Dort angekommen sind wir die einzigen, außer dem Tankwart, die die Zeit in Benzindämpfen unterm Sternenhimmel totschlagen. Kalt ist es auch noch. Der große Zeiger bewegt sich irgendwie zu langsam. Geht die Uhr überhaupt? Nach gefühlten endlosen Stunden ist es 4:45 Uhr. Ein Anruf. Gibson ist da. Wir können los. Das lang ersehnte Treffen ist greifbar. Quasi gleich um die Ecke. Nur noch ein paar Minuten. Red Bull hätten wir uns schenken können. Wir sind so schon aufgeregt genug und total nervös. Gleich. Gleich ist es soweit. Wir schwelgen in romantischen Vorstellungen. Seit Wochen. Aber jetzt ist es endlich soweit. Phantasie wird Realität. Gleich. Gleich. Gleich.

Wir treffen auf die Sekunde pünktlich ein. Die Eingangstür öffnet sich. Ein ziemlich übernächtigter Mann mit strubbeligen Haaren steht in der Tür. „Gibson ist in der Küche.“ Wir schleichen langsam, erwartungsvoll und Schritt für Schritt näher. Gehen behutsam in die Hocke, um ihn beim ersten Kontakt nicht zu verschrecken. Wollen ihn angemessen begrüßen. Er steuert auf uns zu und läuft an uns vorbei. Wie jetzt? Lässt unser Karma uns im Stich? Ein anderer Hund kommt um die Ecke gerannt und steuert direkt auf uns zu. Gibt Küsschen, hüpft auf meinen Schoss, schmust. Aber Gibson interessiert sich nicht die Bohne für uns. Ich zücke meine selbstgebackenen Bestechungskekse. Leckerlies aus Quark und Babybrei (Karotte und Kartoffel). Die Hunde um uns rum lieben die leicht unförmigen Kekse und klauen mir einen nach dem anderen aus der Hand. Gibson kommt zurück. Bleibt stehen, schnuppert. Schwupp, weck ist das Leckerlie. Er stapft weiter und vergrößert die Strecke wieder zwischen uns. Mhhh… was jetzt? Mag er mich nicht? Mein erwartungsvolles Lächeln weicht einem leicht verbissenen Merkel-Ausdruck. Ein bisschen Enttäuschung gepaart mit Panik kämpfen sich Millimeter weise durch meine freudige Erwartung. Ich versuche sie wieder zurückzudrängen. Mein Mann geht zu ihm. Setzt sich zu ihm auf den Boden, redet ruhig auf ihn ein. Stülpt ihm sein neues Halsband über. Gibson wehrt sich nicht. Bleibt bei ihm. Jetzt wollen wir kurzen Prozess machen und eigentlich nur noch nach Hause. Ihn vor vollendete Tatsachen stellen. Also auf zu unserem Bus. Er hüpft sofort und freudig hinein. Ich setze mich zu ihm. Gibson hüpft von Bank zu Bank. Runter auf den Boden und wieder zurück. Wie ein 25 kg schwerer Flummi. Ich kann ihn kaum halten, geschweige denn zur Ruhe bringen. Nach geschätzten 20 Minuten wird er dann doch ruhiger. Ich befürchte eher aus Erschöpfung und nicht aus Entspanntheit. „Wird schon irgendwie“ bete ich in mich hinein.

Zuhause angekommen trinkt er Unmengen an Wasser. Erledigt sein Geschäft und verschlingt seine erste „bayrische“ Mahlzeit. Nach längerem Geschnupper fällt er zufrieden auf seinem Schaffell in einen tiefen Schlaf. Im Hintergrund der Sonnenaufgang.

Ich fühle mich wie ein ausgelutschter Kaugummi. Völlig übernächtigt. Total erledigt. Fix und fertig. Doch da ist sie! Die romantische Vorstellung, die zur Realität wird. Ich kann sie fühlen, greifen und überhaupt. Ich bin glücklich. Wir sind glücklich. Überglücklich. Der Himmel über uns müsste vor rosa Einhorn-Glitzer erstrahlen. Wir lehnen uns seelig lächelnd zurück. Stoßen mit unseren Kaffeebechern an: „Auf Gibson und unser gemeinsames Leben!“. Was für ein tolles Gefühl. Welche Zufriedenheit so eine Seele in ein Leben zaubern kann. Welche Glückseligkeit durch uns hindurch strömt. Und dieses Leben fängt jetzt erst an. Immer wieder würde ich alles genau so machen. In die Vorfreude völlig eintauchen, genießen und auskosten. Bis zum Letzten aufsaugen. Das beste Gefühl der Welt. Wenn nur diese scheiß Warterei vorab nicht wäre.

© by Marita Matschiner 

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Der Zauber vom Zuhause

pic by Achim Matschiner

„Nirgends ist es so schön wie daheim“ – Dorothy Gale „Der Zauberer von Oz“

Diesen Satz sagte Dorothy in ihren wunderschönen roten Glitzerpumps. Klack-klack-klack – die Hacken zusammengeschlagen und diesen Satz mit geschlossenen Augen mehrmals wiederholt. Um endlich den erwarteten Wunsch wahr werden zu lassen: wieder nach Hause kommen! Ich brauche meine Augen nicht zu schließen. Ich brauche auch nicht die Hacken mehrmals zusammenschlagen. In diesem Ausnahmefall brauche ich auch keine roten Glitzerpumps (auch wenn diese ein Kindheitstraum von mir sind). Unser Urlaub ist vorbei und wir sind auf dem Heimweg. Wir freuen uns schon sehr auf unser Zuhause. Können es kaum erwarten endlich wieder in unserem Heim zu sein. Wir lieben unsere vier Wände und sind einfach gerne dort. Trotzdem: wir haben noch nicht einmal die deutsche Landesgrenze erreicht und schon fange ich an, über die vielen Möglichkeiten unseres nächsten Urlaubs nachzudenken. Immerhin ist es ja die schönste Zeit des Jahres. Das muss gut geplant und vorbereitet sein. In unserer kleinen Familie hat sich in diesem Sommer ein Fakt geändert. Wir haben ab jetzt ein paar Freiheiten mehr und die Urlaubswunschliste hat sich etwas verlängert. Bisher waren Urlaube mit dem Flugzeug keine Option. Jetzt steht uns die Welt offen und wir können diese erkunden.

Zu Hause angekommen spreche ich das Thema gleich einmal an. Wir diskutieren die einzelnen Destinationen durch. Listen Vor- und Nachteile auf. Politische Situationen. Da sind gleich einige Länder raus. Da muss ich noch nicht einmal drüber nachdenken. Anreisedauer. Wir haben keine Lust stundenlang im Flieger zu sitzen, um das Ziel zu erreichen. Das Ganze dann auch noch einmal zurück. Nein, danke! Sprachbarriere. Für Frankreich habe ich acht Wochen lang gebüffelt. Jeden Tag. Vor Ort guckte man mich bei meinen Versuchen mich in der Ländersprache zu verständigen nur komisch an und verdrehte die Augen. Last but not least: die Dauer des Aufenthalts. Das ist für uns ein immens wichtiger Punkt. Wir sind eigentlich „Kurzurlauber“. Wir sind möglichst nicht länger als zehn Tage unterwegs. Die Vorstellung einen zweiwöchigen Urlaub am Freitagabend in Richtung Flughafen zu starten und eine Woche später am Sonntag wieder nach Hause zu kommen, um am Montagmorgen gleich wieder in die Arbeitsmühle zu marschieren, geht gar nicht. Das ist für uns tatsächlich schon in Stein gemeißelt: Kommt für uns nicht in Frage. Aber manche Reiseziele funktionieren einfach nicht in zehn Tagen. Mhhh. Schlamassel. Um diesem zu entkommen bzw. die Entscheidung nach dem „Wohin“ zu erleichtern, stelle ich mir eine ganz grundlegende Frage: Was ist am Urlaub wirklich wichtig? Worauf freuen wir uns wirklich, wenn es um unsere freien Tage im Jahr geht? Eine Antwort zu finden, ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so einfach.

Für eine Freundin und ihren Mann ist Reisen eine Mission. Sie ist mit ihm bei jeder Gelegenheit unterwegs. Entweder an das andere Ende der Welt oder einfach eine fremde Stadt erkunden, die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt ist. Vor Jahren war sie monatelang mit ihrem Mann und zwei Rücksäcken unterwegs. Einmal um die ganze Welt. Andere Freunde sind gefühlt alle vier bis sechs Wochen unterwegs. Entweder im Hotel, mit dem VW-Bus oder bei Familie und Freunden. Allein die Anzahl der Ausflüge und Urlaube dieses Jahr überschreitet meine bisher eingereichten Urlaubstage. Jeder von uns hat unterschiedliche Beweggründe. Welche sind das? Warum wollen wir möglichst viele Tage unterwegs sein? Was zieht uns in die Welt? Ist es das Entdecker-Gen? Möglichst viele neue Eindrücke bekommen und neue Dinge sehen? Oder doch eine innerliche Unruhe? Mit dem gelebten Leben nicht so ganz zufrieden zu sein, wie eigentlich gedacht, gehofft oder erträumt? Sind diese Urlaube in Wahrheit eine Flucht vor dem Alltag? Vor der Arbeit? Vor unseren alltäglichen Verpflichtungen? Oder sind es am Ende ganz banale Gründe? Entspanntes Ausschlafen. Kein Wecker. Keine Meetings. Keine Telefonate. Mal keine Betten machen und der morgendliche Frage vor dem Kleiderschrank entfliehen? Einfach von der Routine ausbrechen? Ist es die Sucht danach nichts-tun?

Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Wohltat für mich ist, 14 Tage auf einer Liege im Pauschalurlaub zu liegen und sich bedienen zu lassen. Den Kampf am Buffet als einzige Herausforderung zu haben. Das hin und her Überlegen, ob man nun einen Long Island Ice Tea oder einen Caipirinha bestellt. Welche Form und Farbe der Strohhalm hat, als größte Überraschung des Tages zu sehen. Oder lieber durch fremde Städte schleichen, um die Errungenschaften längst verstorbenen Menschen zu bewundern. Oder: Der Versuch, krampfhaft in der Landessprache ein Getränk zu bestellen, während der Kellner einen einfach nicht verstehen will. Aus welchem Grund auch immer. Ganz fies ist es dann festzustellen, dass er am Nachbartisch fließend mit den anderen Gästen aus der Heimat auf Deutsch spricht und Witze reist. Da glaubt man echt, im falsche Film zu sein. Und überlegt in diesem Moment krampfhaft, was man falsch gemacht hat oder was mit einem nicht stimmt.

Ein anderer Aspekt. Will ich mich im Urlaub lieber beim Sport auspowern und die Endorphin-Ausschüttung bis ans obere Limit bringen? Zurück ins Hotel kriechen, weil der Körper wegen der extremen Belastung einfach bei Null angekommen ist. Dann kommen noch die Postkarten. Auch wenn wir im WhatsApp- und Facebook-Zeitalter angekommen sind. Ich möchte meine Familie und meine Freunde an unseren tollen Erlebnissen teilhaben lassen. Das endet meist in einer krampfhaften Suche nach einem Laden mit Postkarten, der dann auch die passenden Briefmarken hat. Anschließend setzt man sich gemütlich irgendwo hin und möchte unbedingt einen tollen Einblick in seine schönste Zeit des Jahres geben. Und dann: Schreibsperre! Es folgt: „Tolles Wetter! Tolles Essen! Hoffentlich bis bald und liebe Grüße!“

Wieder zu Hause endet der Urlaub dann im Stress des Wäschewaschens. Bügeln, Aufräumen, Koffer verstauen. Ganz schlimm ist dann der erste Arbeitstag. Der Vormittag ist gefüllt mit hinreißenden Erzählungen. Der Nachmittag dann mit möglichst viel Aufarbeiten der liegengebliebenen Arbeit. Der reguläre Arbeitstag wird mit den ersten Überstunden gefüllt. Abends folgt der Urlaubs-Jetlag. Der mitgebrachte Wein schmeckt nicht so gut wie im Urlaubshort. Ich bin fix und fertig. Ich denke sehnsuchtsvoll an den letzten Urlaub. Aber an was genau? An das Ausschlafen? An die fremden Dinge? Die neuen Impressionen? Der Kampf, ein Getränk zu bekommen? Und an die Qual der Wahl, welches Getränk ich denn überhaupt bestelle? An die meetingfreie Zone? An das stille Telefon. An das totale Auspowern beim Sport. An das In-den-Tag-hineinleben? Ohne Verpflichtungen. Ohne Alltagsstress. Es scheint also eine Kombination von allem zu sein. Für mich zumindest.

Dorothy hatte leider nur bedingt Recht – trotz traumhafter roter Glitzerpumps. Nichts ist so schön, wie nach Hause zu kommen und seiner Fantasie über zukünftige Reisen freien Lauf zu lassen. Wohin wird es uns als nächstes ziehen? Und was werden wir dort alles erleben? Und natürlich: Welches Getränke werde ich bestellen und wird es am Ende auch serviert?

© by Marita Matschiner

 

Wetten, dass wir in unserem Urlaub viel Wind haben werden?

Durchpusten lassen – pic by Achim Matschiner

Und ich werde gewinnen! Denn: egal wo oder zu welcher Jahreszeit wir bisher unterwegs waren – der Mistral oder die Bora haben uns immer ein oder zwei Tage getroffen. Daher dachten wir uns dieses Jahr: stellen wir uns doch gleich darauf ein und besuchen mal den Norden. Und wenn wir gerade dabei sind, fügen wir zusätzlich noch auf unserer Liste von romantischen Urlaubszielen einen weiteren Haken hinzu. Es zieht uns nach Dänemark. Da ist es eh windig. Da gibt es, was das angeht, mal keine Überraschung.

Nun zu unserer romantischen Urlaubsvorstellung, die ungefähr so aussieht: Dünen, Sandstrände und Möwen. Heiße Schokolade mit Zimtschnecken. Milchreis und Fischfrikadellen. Jede Menge farbige Holzhäuser mit Reetdach. Lange Spaziergänge an der frischen Seeluft und sich mal richtig durchpusten lassen. Von daheim ist die Fahrt dorthin eine kleine Tortur. Trotz einer Übernachtung bei unserer Familie in Niedersachsen zieht sich die Strecke. Wohlweislich haben wir in Niedersachsen erst einmal unser Lieblingsbier eingeladen. Das gibt es nur dort. Wer also mal in der Nähe ist: Braunschweiger Feldschlösschen ausprobieren. Und bitte auch gleich eine oder zwei Kisten für uns mitbringen. Danke!

Das gemietete Holzhaus ist ein Träumchen. Schieferschwarz getüncht mit weißen Fenstern und Türen. Eine große Holzterrasse, die rund um das Haus führt. Dazu ein kleiner, aber schnuckeliger Garten. Genauso wie wir uns das vorgestellt haben. Der Strand ist nur hundert Meter zu Fuß entfernt. Die Möwen sind dort in Mengen unterwegs. Passt also schon einmal.

Der erste Einkauf erweist sich allerdings als Herausforderung. Ich verstehe kein Wort von dem, was auf den Verpackungen steht. Aber auch so gar nichts. Komme mir vor wie bei Ikea hoch zehn. (Ich weiß – Ikea ist schwedisch. Aber alle Dänen und Schweden werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich eine gewisse Ähnlichkeit sehe, lese und höre.)

Der erste längere Spaziergang endet erst einmal in einer Odyssee. Der Plan: am Strand entlang und durchpusten lassen. Das hat auch bis dahin ganz gut funktioniert. Wir folgen einer empfohlenen Wanderroute. Unsere Urlaubdestination zu Fuß erkunden. Alle Kleinigkeiten wahrnehmen und genießen. Auch geklappt. Unsere Hoffnung: in dem nächsten größeren Ort einen EC-Automaten aufstöbern. Wir müssen endlich irgendwie an die Landeswährung kommen. Eine Freundin hat mir freudig ihre letzten Dänischen Kronen mitgegeben. Nur mit denen war nichts zu holen. Es sind drei Konen. Drei Kronen reichen noch nicht einmal für einen Toilettengang. Aber das hatte sie bei der Übergabe bereits erwähnt – der Wert ist Peanuts. Nett war es trotzdem. Der Gedanke zählt. Während des Urlaubs sind diese drei Kronen in meiner Hosentasche – als gutes Omen quasi.

Wir sind bereits drei Stunden zu Fuß unterwegs. Ohne Wasser. Ohne Essen. Die Temperaturen liegen bei zirka 18 Grad und strahlendem Sonnenschein. Natürlich Wind. Eh klar. Endlich erreichen wir den nächsten größeren Ort, Fynshav. Dieser hat nur keine Bank. Auch keinen EC-Automaten. Von einem Restaurant keine Spur. Nur eine Döner-Imbissbude und einen Pizza-Lieferservice. Wir wollen nur noch nach Hause. Unser Held des Tages ist dann ein Busfahrer der Englisch spricht. Leider nimmt er keine EC-Karte. Auch keine Kreditkarte. Und Euro schon zweimal nicht. Dafür nimmt er uns ein Stück mit. Kostenfrei. Es bleiben uns noch zwei Kilometer zu Fuß bis zum Glück. Bis zum gemieteten Heim. Und als Sportler kann man mit dieser Distanz gut leben. Ein Klacks für uns. Dieser Busfahrer ist mein Held des Urlaubs. Von mir bekommt er einen virtuellen roten Supermann-Umhang als Auszeichnung. Der nächste Ausflug am darauffolgenden Tag geht nun wirklich in eine richtige Stadt. Dort gibt es EC-Automaten. Haben wir vorab von unserem Freund Google erfahren. Wollen einfach mal auf Nummer sicher gehen. Hier fühle ich mich auch in dem riesigen Lebensmittelladen gut aufgehoben und bin eher etwas überfordert von der europäischen Auswahl an Basislebensmitteln. Sogar unsere italienische Lieblings-Pasta-Sorte gibt es. Jetzt fühle ich mich noch wohler.

Es folgt ein Tag Flensburg. Einen Freund besuchen und ein bisschen in der Stadt bummeln. Wieder die Worte der Verkäufer und Kassierer klar und deutlich verstehen. Keine kreativen Querverweise ins Englische oder Holländische vermuten, um an eine Übersetzung zu kommen. Ja, ich weiß! Auch das gehört zum Auslandsurlaub. Aber mein Reflex mit „Sorry“ oder „Gracie“ zu antworten, bringt mir in Dänemark nur komische Blicke ein. In Flensburg gibt es dann noch die weltbesten Backfisch- und Matjessemmeln. Wir genießen diese in der Sonne direkt am Wasser auf einem Steg. Von den Möwen beäugt. Die hoffen nur darauf, dass uns etwas aus dem Brottütchen fällt. Das Ganze abgerundet mit einem Flens – Feldschlösschen gibt es hier ja nicht. Milchreis gab es noch nicht. Dafür die Zimtschnecke zum Frühstück. Sonne, Wind, Wasser, Zimtschnecke, Fischbrötchen und Möwen. Was will man mehr. Wieder ein paar Haken auf der Liste. Das wird. Auch wenn mir die Möwen hier etwas aufdringlich erscheinen. Aber gut.

Unsere morgendlichen Laufeinheiten sind geprägt von Sonnenschein, Nieselregen, Möwen auf den Feldern und jede Menge Nutztiere. Überall gibt es Kühe auf den Feldern. Pferde in allen Größen, Farben und Rassen. So schön down-to-earth. Ich entspanne völlig und erfreue mich an der Erfüllung meiner romantischen Urlaubsvorstellung.

Allerdings lerne ich zwei Sachen völlig unfreiwillig in diesem Urlaub. Zum einen sind hier Möwen überall und sie sind laut. Im Laufe der Zeit kann das ziemlich anstrengend werden. Und das Zweite ist leider eine Sache, die man nicht können muss. Die einem im Leben nicht weiter bringt. Privat und auch geschäftlich nicht. Aber ich kann das jetzt. Und wer weiß, vielleicht werde ich es irgendwann nutzen können. Ich hoffe aber ganz ehrlich – und das mit ganzer Seele und aller Inbrunst – , dass dieser Kelch an mir vorbeiziehen wird. In Dänemark gibt es noch ein weiteres Nutztier, welches im großen Stil gehalten und gezüchtet wird. Ich befürchte, ich werde diesen Geruch nie wieder vergessen. Schweinehaltung. Dieser Gestank ist das Schlimmste, was mir je begegnet ist. Es riecht so ekelerregend, dass ich darüber nachdenke meine Ernährung umzustellen. Bei dem ersten Wahrnehmen habe ich umgehend das geliebte Schweine- „Cordon bleu“ mit einem riesen roten Kreuz versehen. Ebenso bei Bratwürsten und Salami. Wenn du das Ausscheidungsergebnis von diesen süßen Tierchen mit der Steckdosennase und dem Ringelschwänzchen einmal in der Nase hast, ist es für mich erst einmal vorbei mit dem Schweinefleischgenuss. Glaubt es mir. Meine neu errungene Fähigkeit ist unter anderem mein negatives Mitbringsel aus dem romantischen Dänemark. Die Unterscheidung von Kuh-, Pferd- und Schweinemist anhand des Geruchs. Unverkennbar. Damit kann ich jetzt zu „Wetten-dass …“ gehen. Und ich würde schon wieder gewinnen.

         

         

© by Marita Matschiner

Tote Frösche in Gucci-Handtaschen, der lange Lauf mit mir selbst und wie geil ist es auf der Welt zu sein – ein Jahr roaring40s.eu

Juli 2016
Zauberhände
Meine Farbe für das Jahr 2017: WEISS und schön deckend. Aber niemals identisch mit Fingern und Fußnägeln.

The Mall
Keine Zeit für wahnwitzige Shoppingaktionen. Und eigentlich bin ich auch zu geizig geworden. Habe genügend Taschen. Schuhe. Schals. Mhhhhh, obwohl, kann man eigentlich nie genug haben.

Arbeitsloser Mülleimer
Ich rege mich jeden Tag aufs Neue auf. Immer und Immer wieder! Über die Rücksichtslosigkeit und kurze Denke der Bevölkerung.

Sales-Daunenjacke
Haben in der Zwischenzeit auch welche. Mehrere. Weil sie so schön bequem und leicht sind. Irgendwie praktischer als ein langer, schwerer Parker. Aber den liebe ich nach wie vor.

Spieglein, Spieglein an der Wand
Und täglich grüßt das Murmeltier.

Schön ist es auf der Welt zu sein
Bei Dieter war ich dieses Jahr leider nicht. Aber ich summe das Lied nach wie vor sehr gerne vor mich hin.

Was´n für´n Wetter?
Hey, die Wetter-Apps sind gar nicht soooo schlecht. Also hört auf zu jammern! Ich gebe mir ja auch Mühe. Und so eine App ist immer noch besser, als einen Frosch in der Handtasche. Der wäre auch nicht zuverlässiger mit seiner Prognose. Und vermutlich schon längst tot.

 

August 2016
Unkontrollierte Tränen
Kein Kommentar.

Fräulein Tongong!
Der Hund hat in der Zwischenzeit zirka 30 Spitznamen. Und es wird noch weitere geben, da bin ich mir ganz sicher.

45? Scheiß drauf!
Ein Jahr später. Fast ein Jahr älter. Meine Augencreme steht immer noch auf dem Nachttisch. Und meine Einstellung ist immer noch identisch. Nur jetzt merke ich das Älterwerden und verstehe was Mama, Papa und ältere Freunde immer meinen.

Der Schuh, der so ist, wie er ist
Wird immer noch getragen. Jeden Tag im Feierabend. Solange es trocken und warm ist. Leider hat das Leder eine Macke von unserem letzten Urlaub mitgenommen. Auf Grado („Mein Parkplatz. (Teil 3 Binsen-Land)“) habe ich extrem viel Mückenspray benutzt. Nach dem Motto: viel hilft viel. Das Leder ist jetzt matt mit leichter Maserung. Aber mei. A bissi Verlust ist immer.

Deko-Daumen
Wir haben unserem Garten noch eine Chance gegeben. Und geh schau: das Grünzeug wächst! Die Klematis hat momentan 23 riesige lila Blüten. Der Lavendel hat sich von der Höhe her verdoppelt. Nur der Rasen… der schwächelt. Da müssen wir dann wohl nächstes ja mal ran.

 

September 2016
Haarchaos” & Oktober „Haarchaos Reloaded
Sie wachsen wieder. Der Wunsch nach Veränderung wurde durch den langweiligen Wunsch nach einem Pferdeschwanz vereitelt. Privat kann ich jetzt schon wieder ein Pferdeschwänzchen tragen.

 

Oktober 2016
Kopfschütteln
Neue Putzfirma. Hochwertigere Papierhandtücher und keine Stopfaktionen mehr.

Schlechter Scherz
Irgendwie war es dann doch nicht nur ein Spaß. Genau genommen: aus Spaß wurde Ernst und der heißt Trump. Einen großen Vorteil hat die Sache: Europa verbündet sich. Die einzelnen Länder arbeiten enger miteinander als jemals zu vor.

 

November 2016
Scheiß auf Rollentausch
In dieser Fahrradfahrsaison (2017) sind die Radler noch hemmungsloser. Auf den kleinsten Straßen fahren sie nebeneinander und kommen nicht auf die Idee in Kolonne zu fahren. Egal ob ein Auto von hinten oder ihnen entgegen kommt. Habe bis jetzt zwei Mittelfinger gesehen und einer hat mir was hinterher gebrüllt. Mein Mann (als Beifahrer) wollte sich sogar mit einem Fahrradfahrer „unterhalten“.

Katja, eine Wassermelone und ich
In den letzten 12 Monaten habe ich die Innenstadt seltener besucht, als jemals zu vor. Sprich, online Shopping ist Standard geworden. Hiermit entschuldige ich mich ganz offiziell bei dem Einzelhandel.

 

Dezember 2016
Alles MEINS!
Ich kaufe einfach kein Nutella mehr. Einfach so. Ist von der Einkaufsliste gestrichen. Dafür durfte mein Vater bei seinem letzten Besuch den neuen Bounty-Cremeaufstrich versuchen. Und er war begeistert.

Jetzt mal von Frau zu Mann
Dieser Blog hat tatsächlich etwas bewegt. In meinem Umfeld gibt es Männer, die jetzt ein bisschen mehr auf sich achten. Und die die ich damit meine, wissen wen ich meine. Danke dafür.

Someday At Christmas
Ich höre das Lied auch im Sommer. Immer dann, wenn ich an meinen Mitmenschen, der Weltbevölkerung und der ganzen Welt zweifle. Denn dieses Lied gibt mir Hoffnung. Hoffnung auf Vernunft. Hoffnung auf Menschlichkeit. Hoffnung auf eine bessere Welt. Irgendwann. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

God safe the Social Commitee
Bin gespannt, was die nächste Weihnachtsfeier für Gesprächsstoff bieten wird. Die Planungen laufen auf Hochtouren und der Termin steht fest.

 

Januar 2017
Zahnfee
Meine Zahnfee sieht mich nach wie vor regelmäßig und sie hat sich sehr über meine positiven Artikel gefreut. Wir duzen uns auch in der Zwischenzeit.

Und die Chöre singen für mich!
Ich bin gespannt, wann mir mein Sommerhit 2017 aus den Ohren hängt. Die Radiosender geben alles, dass das möglichst bald geschieht.

 

Februar 2017
Er. Wir. Ich!
Es hat sich nichts geändert. Der Mann ist die erste Ansprechperson. Wie gesagt, das wird noch Generationen benötigen, bis das in unser aller Köpfe als Normalität abgelegt ist. Jedoch, ich bin kritischer geworden. Jetzt muss ich mir selber zwischendurch an die Nase fassen.

 

März 2017
No Games – Just Sports!“
Und sie läuft und läuft und läuft. Mal mit Hund. Mal ohne.

 

April 2017
Unser italienischer Marktplatz
Wird jeden Morgen bis zur letzten Minute von jedem genossen. Bis auf eine Person. Um etwas zu ändern führte sie Gespräche mit Führungspersonen, Site Leader und dem Betriebsrat. Jetzt sitzt sie woanders.

 

Mai 2017
Guckst Du Himbeertörtchen
Seit ich „Bitte ein Himbeertörtchen“ sage, geht es ganz schnell. Rumstottern ist nur unnötige Zeitvergeudung. Daher: klare Worte.

Auf in das Binsen-Land (Teil 1)
Vorbereitung zur ersten Urlaubsfahrt mit Eda. In der Vorbereitung sind wir in der Zwischenzeit richtig gut eingespielt. Keine Diskussionen mehr ob eine Rolle Toilettenpapier oder zwei.

 

Juni 2017
Living on the Etsch (Teil 2 Binsen-Land)
Daheim habe ich noch keinen einzigen Maikäfer gesehen. Dafür jede Menge Glühwürmchen. Ist aber eine super gute Alternative.

Mein Parkplatz. (Teil 3 Binsen-Land)
Ich hoffe Gernot und Siegried geht es gut und sie hatten einen tollen Urlaub mit Ihren Kindern und Enkelkindern.

Das ist die Zusammenfassung meiner ersten zwölf Monate online, mit diesem Blog. Wer weiß was das zweite Jahr bringt. Die ersten Erlebnisse stehen ja bereits online. Weitere werden garantiert folgen. Danke an Euch! Für Eure Treue und das positive Feedback, dass mir immer wieder als Motivation dient.

 

© by Marita Matschiner

 

Ode an den Anderwald (Teil 4 Binsen-Land)

Anderwald mit Herz – pic by Achim Matschiner

Oh Anderwald am Faaker See.
Scheiß aufs Dichten. Chardonnay!

Ich versuche möglichst vorurteilsfrei zu sein. Aber gerade bei dem Thema Campingplatz kann ich schlecht aus meiner Haut. Da habe ich eine Menge Vorurteile. Sehr viele! Aber der nächste Halt ist ein Campingplatz mit einer mir sehr zusagenden Gemütlichkeit und das auch noch auf hohem Niveau. Was ich hier vorfinde, lässt mich viele meiner Bedenken und Vorurteile direkt und ohne Umschweife in die Tonne treten. Aber jetzt erst einmal von Anfang an. Gemeint ist der Campingplatz Anderwald direkt am Ufer des Faaker Sees.

Wir fahren mit Schrittgeschwindigkeit durch die Einfahrt der Anlage. Die Anmeldung ist im Haupthaus, auf halber Strecke zum See. Durch eine kleine Allee, die rechts und links mit natürlich wachsenden Kiefern und wilden Büschen die Stellplätze vom Hauptweg trennen, wird der Faaker See immer mehr zum Zentrum der Aussicht. Überall auf dem Platz finden sich kleine nette Dekorationselemente. In einer Ecke steht eine alte Holzgartenbank mit einer Laterne an der Armlehne. Im Baum gegenüber hängt ein alter Alukochtopf mit einer eingepflanzten Geranie. Wie süß. Wir dürfen uns einen Platz aussuchen. Egal wo! Natürlich parken wir in der Nähe vom Restaurant, den Waschräumen, Duschen und Toiletten. Wo sonst? 😉

Ich inspiziere erst einmal die Hygieneräume. Hinein ins Haupthaus. Rechts für Herren, links für die Damen. Ich fühle mich leicht überfordert von den vielen Türen. Ich wähle eine nach dem ene-mene-muh-Prinzip aus und finde mich in einem großen Raum wieder. Mit weiteren Türen. Ich komme mir vor wie Alice im Wunderland. Nur mit dem Unterschied, dass diese Türen zu den Toiletten, Dusch- und Waschräumen führen und nicht in eine neue, fantastische Welt. Naja. Irgendwie dann doch in eine für mich neue und fantastische Welt. Denn dezente, sanfte Musik wabert an meine Ohren. Es riecht ganz leicht nach einer Blumenwiese. Alles ist in warmen, hell orangenen Tönen gehalten. Es ist sauber, ordentlich und auch hier überall dezente, liebevolle Deko. Bin ich wirklich auf einem Campingplatz?

Zurück zum Stellplatz. Jetzt erst einmal schnell aufbauen, einrichten und dann duschen. Endlich duschen! Ohne Zeitdruck. Ohne Aussicht auf Wassermangel. Und vor allem temperierbares Wasser. Jede abschließbare Duschkabine hat einen eigenen Vorraum. In diesem kann man seine Klamotten und den Kosmetikbeutel sauber aufhängen oder auf einen Stuhl legen. So bleiben sie während der Saubermachaktion auch trocken. Da hat einer echt mitgedacht. Nach der Dusche kann man seiner weiteren Körperpflege im Duschvorraum nachgehen oder in den Großraumbereich (Hallenbad ähnlich) umziehen. In Anderwald hat man aber noch eine dritte Alternative: die Waschbeckenräume. Hier gibt es jeweils einen großen Spiegel mit Stromanschluss und genügend Ablage und Platz um sich auszubreiten. Ganz großes Kino: beim Blick in den Spiegel erschrickt man nicht!  Wie in so manchen Bekleidungsläden. Selbst nicht nach einer Woche VW-Camping mit Autospiegel oder dem kleinen Klappbaren aus der Handtasche. Diese beiden zeigten mir in der letzten Woche nämlich nur einen kleinen Teil des realen Wahnsinns. War vielleicht auch gut so, nur einen Ausschnitt zu sehen. Nicht so in Anderwald. Endlich mal ein Spiegel der was kann. Das Licht ist angenehm warm und holt nicht die roten Äderchen und sonstige Mängel hervor. Es intensiviert nicht die Makel an unseren Körpern. Die, die wir so schön zu verdrängen oder zu straffen versuchen. Anderwald hat die perfekte Beleuchtung um sich wohl zu fühlen. Nicht nur in den Räumen, auch in seiner Haut. Großartig. Ein ausdrückliches und persönliches Dankeschön von Frau zu Anderwald.

Die Rundbürste kommt zum Einsatz und ich habe endlich mal wieder eine Frisur. Die Wimperntusche sitzt dort, wo sie sitzen soll. Ich sehe mal nicht aus wie ein Waschbär! Sauber und frisch eingecremt fühle ich mich wieder mit mir im Reinen. Glückselig lächelnd komme ich zurück zum Stellplatz. Selben Gesichtsausdruck finde ich bei meinem frisch geduschten und rasierten Mann. Eine Dusche und ein Spiegel sind nach so einer Urlaubswoche tatsächlich purer Luxus. Witzig, wie selbstverständlich man das im normalen Alltagsleben nimmt. Was viele leider gar nicht zu schätzen wissen.

Von außen ist jetzt alles tippi toppi. Jetzt fehlt noch das innere Wohlsein. Essen gehen! Das Restaurant ist bereits um 17:30 Uhr gut besucht. Wir finden trotzdem einen hübschen Platz auf der Terrasse mit Sicht auf den See. Das Restaurant hat eine gut gemischte Karte. Es findet sich für jeden etwas. Für den Pizzaliebhaber, den Gourmet-Genießer und auch für die kleinen Menschen dieser Welt. Das Essen ist phänomenal. Als Nachtisch bestellen wir uns einen Kaiserschmarrn. Die Bedienung schaut uns etwas verwirrt an. „Ähhh…. Das ist echt viel Kaiserschmarrn! Die meisten schaffen das nicht nach einem Hauptgang.“ Wir lassen uns nicht beirren und sind hocherfreut als eine riesige gusseiserne Pfanne, gefüllt mit der weltbesten Mehlspeise, serviert wird. Wir müssen kämpfen. Kämpfen! Geben nicht auf. Schaffen es gerade mal so. An der bestens sortierten Bar kaufen wir uns im Anschluss noch eine Flasche eiskühlten Wein. Mit Blick auf den Sonnenuntergang am See genießen wir unter unserer Markise noch den guten Tropfen und kriechen anschließend glückselig in unsere frisch aufgeschüttelten Schlafsäcke.

Der nächste Morgen. Erst einmal Laufen gehen. Bietet sich ja an. Auf der anderen Seite der Uferstraße ist ein großer Wald mit einem fantastischen Trimm-dich-Pfad. Dieser ist ein absoluter Träum. Nicht diese halb verrotten Hüpf-Holzbalken und verrosteten Klimmzugstangen. Da haben sich einige kreative Köpfe ausgetobt. Es gibt ungefähr 30 verschiedene Übungseinheiten, die völlig harmonisch ins Waldleben eingebettet sind. Vom Fitnesstest gleich zu Beginn bis hin zum ebenerdigen Trampolin. Nach einer sauber- und glücklichmachenden Dusche, beratschlagen wir bei einem Kaffee den nächsten Schritt.

„Wir können ja doch noch eine Nacht bleiben.“ Wie bitte? Was? Wer? Wie? War das etwa ich? Ups. Die Worte sind einfach so aus meinem Mund geflutscht. Erst denken, dann reden! Aber ja, es ist wahr. Tief in meinem Inneren würde ich gerne noch bleiben. Camping Anderwald hat es geschafft, mir meine Phobien ein bisschen zu nehmen. Die Tür ist einen Spalt geöffnet. Offen für diese Art Urlaub. Dank Anderwald und deren Leidenschaft für Kleinigkeiten. Das Ambiente. Die Herzlichkeit. Die Sauberkeit. Für das Mitdenken und das Verständnis für das, was man(n) und Frau auch im Urlaub brauchen, bevorzugen und auch zu schätzen wissen. Ja, ich stehe dieser Urlaubsmöglichkeit nun etwas offener gegenüber.

Leider zieht es mittags zu. Es wird kalt und regnerisch. Sorry, aber hier ist jetzt meine Camping-Grenze erreicht. Bei strömenden Regen und Kälte mag ich nicht zu zweit, mit einem großen Hund, in einem VW-Bus campieren! Auch nicht in Anderwald. Trotz inbrunstartiger Gebete an Petrus – er zeigt kein Erbarmen. Die Sonne zieht sich immer weiter hinter den Horizont zurück und die Regenwolken verdichten sich. Tja, das Wetter hat man nicht im Griff. Den Standort aber schon. Wie wir bereits in Glurns und auf Grado unter Beweis gestellt haben, nutzen wir die Freiheit des Bully-Lebens und brechen auf. Auf zu neuen Erlebnissen. Auf zu neuen Erkenntnissen. Auf zur neu gewonnenen Freiheit. Denn jetzt geht’s ans Eingemachte: Wildes Campen steht auf dem Plan.

Randinfo: Der Chardonnay war ein Grüner Veltliner aus der Region. Aber wäre „Oh Anderwald am Faaker See. Scheiß aufs dichten. Grüner Veltliner!“ wirklich besser gewesen?

         

         

© by Marita Matschiner