Ein Jahr mit Gibson. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

12 unglaubliche Monate (eine etwas längere Geschichte)

Unser erstes Jubiläum mit unserem neuen Familienzuwachs! Kaum zu glauben, aber ein Jahr ist rum. Wenn ich so auf die letzten 12 Monate zurückschaue – wow da gab es viele Hochs. Aber auch extrem viele Tiefs. Jeder Tag war überraschend und anders als gedacht.

Am 12. Mai 2018 starteten wir den ersten gemeinsamen Tag mit einem Besuch beim Tierarzt. Nach einer Blutprobe von Gibson teilte man uns erst einmal mit, dass die Werte eine totale Katastrophe sind. Die Leishmaniose-Werte bewegten sich in exorbitanter Höhe. Die Nieren waren völlig im Eimer. Bei den Werten müsste er eigentlich schon lethargisch in der Ecke liegen. Der Grund, warum wir überhaupt dort waren, war ursprünglich ein anderer: seine offene Kastrastionswunde (pures Fleisch). Die war aber das geringste Problem. Am Ende des Termins meinte die Ärztin: Lebenserwartung drei bis sechs Monate. Das war ein Schock. Eine Nachricht, die wir so nicht hinnehmen wollten und auch nicht hingenommen haben. Die ersten Tränen flossen trotzdem. Ziemlich am Boden zerstört, fuhren wir wieder heim. Mit im Schlepptau eine große Tüte voll mit Medikamenten. Ab jetzt hieß es, jeden Morgen und jeden Abend unterschiedliche Tabletten in unterschiedlicher Dosierung. Mal davon abgesehen, dass eine spezielle Diät Pflichtprogramm ist. Wichtig: er muß wegen seiner Nieren mindestens alle paar Stunden vor die Tür und Pippi machen. Lebenslang. Auch bei seinen Allopurinol-Tabletten bekam er lebenslänglich. Wie lange seine Zeit auf Erden auch sein wird. Mhhhh. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Wieder zuhause stellten wir fest, dass er außer Essen, Schlafen, Trinken, Pippi und sein Geschäft erledigen, gar nichts konnte. Weder die Grundbefehle noch Treppen steigen. Sein Fell war struppig und überall kahle Stellen. Barthaare waren auch keine vorhanden. Unsere größte Herausforderung war aber: er mußte dringend zunehmen. Er lag unter 25 Kilo. Was bei der Grösse echt zu wenig ist. Er war nur Haut und Knochen. Sogar zu schwach um sich mit dem Hinterlauf zu kratzen. Er kippte jedes mal um.

Nach zwei Monaten entschlossen wir uns einen Hundetrainer aufzusuchen. Als Ergänzung legten wir noch Anti-Jagd-Training oben drauf. Da Gibson den Eindruck machte, total von der Rolle zu sein und immer nur Vollgas geben zu wollen, gingen wir auch zu einer Verhaltenstherapeutin. Dort stellte sich dann heraus: Deprivationsstörung. Er wurde zu früh von Mama und den Geschwistern weggenommen und kam wohl in Einzelhaft. Daher hat er keine Erziehung und Prägung genossen und keinerlei Sozialisierung erhalten. Er kann mit Strenge und Disziplinarmaßnahmen nichts anfangen. Ebensowenig wie mit der Leine. Im Kopf war der Zweijährige noch ein Baby. Um es leichter verständlich zu machen: stelle ein dreijähriges Kind in den Eingang eines Toys’R’Us uns sage: Viel Spaß! Das was dann passiert, passiert auch bei Gibson, wenn die Haustür aufgeht. Oder das Gartentürchen. Oder die Bürotür. Oder welche Tür auch immer. Aaaaaattaaaaaaaaaacke! Zusätzliche Erscheinung bei seiner Störung: Ein normaler Hund braucht durchschnittlich 20–30 Wiederholungen, um etwas zu erlernen. Gibson braucht dafür rund 100 Wiederholungen. Manchmal auch noch mehr. Ein weiterer Sachverhalt, die es zu akzeptieren galt.

Kaum stellten sich die ersten Erfolge ein, bekam er im Herbst plötzlich heftigen Husten und wir mußten mit dem Hundetraining stoppen. Zu Weihnachten mußte er wegen Schmerzen stationär in die Klinik aufgenommen werden. Röntgen und CT ergaben: ein Knochensplitter wandert an der Wirbelsäule umher. Das musste eine alte Verletzung sein und war anscheinend die Ursache. Ich will gar nicht wissen, was ihm da in seinem Verlies widerfahren ist. Wir waren kurz davor, ihn einschläfern zu lassen, wenn das nicht der Grund für die Schmerzen sein sollte. Aber nach der Entnahme dieses Splitters durfte Gibson wieder mit nach Hause und zeigte sein altes Verhalten. Es war der teuerste Couchurlaub meines Lebens.

Heute. Fünf Monate später. Gibson hat nun endlich über 30 Kilo stabil auf der Waage und Barthaare sowie Wimpern. Sein Fell ist wie Kaschmir. Die Blutwerte sind unfassbar gut. Seine Ärztin war den Tränen nahe. »Wenn man es nicht wüßte, wie krank er war, würde man es anhand des Blutes nicht erkennen.« YES! Gibson ist in der Tierklinik bekannt wie ein bunter Hund. Naja, wie ein braun-weißer Hund. Gesundheitlich ist er ein Wunder und keiner hat eine Erklärung dafür.

Seine inneren Werte sind ein Traum. Er ist ein Guter. Lieb, brav, kuschelig, hört (mehr oder weniger) und freut sich über jeden Menschen und jeden Hund. Er läuft frohlockend auf jeden zu. Man kann förmlich sehen wir er ruft »Hey, wer bist denn du? Lass uns spielen!«. Er beherrscht jetzt fast alle Grundregeln: Sitz, Platz, Aus, Nein, Bleib. Und das relativ zuverlässig. Der Stop-Befehl funktioniert von Tag zu Tag besser – ebenso das Steh. Zusätzlich haben wir »Rechts«, »Links« und »Turn« eingebaut. Das brauchen wir für die Laufeinheiten und den Cross-Roller. Das sind die beiden Möglichkeiten ihm seinen Bewegungsdrang nachgeben zu können. Freilaufen ist leider noch nicht möglich. Weil das Abrufen noch sehr zu wünschen übrig lässt. Das mit dem gemeinsamen Joggen mußten wir leider endgültig im Februar einstellen. Denn in der Zwischenzeit sind mein Mann und ich körperlich ziemlich lädiert. Wir besuchen regelmäßig unsere Physiotherapeuten und Osteopathen. In unserem Badezimmerschrank ist eine Riesenauswahl an Schmerzgels, Tigerbalsam und anderen Mitteln – wir könnten einer Apotheke Konkurrenz machen. In den vergangen zwölf Monaten hat unsere Gesundheit zusätzlich einige Herausforderungen zu bewältigen gehabt, die leider alle Gibson zuzuschreiben sind. Von einer Hornhautverletzung mit einem Besuch in der Augenklinik am Sonntagabend bis hin zu einer riesigen Beule an der Stirn, die aussah wie ein Hühnerei. Etliche blaue Flecken, Brandwunden von der Schleppleine, ausgekugelte Finger, Bänderdehnungen, offene Lippen. Last but not least entzündeter Ischiasnerv, unter dem mein Mann und ich heute noch leiden. Kratzer brauche ich wohl nicht erwähnen. Das war unser Standard-Hautschmuck in den letzten Monaten. Ein Kollege machte sich letzten Sommer einen Spaß daraus, dass er einschreitet, wenn mein Mann nicht bald aufhört mich zu verdreschen. Ha-Ha! Sehr witzig.

Gibsons Schrank ist aber auch nicht zu verachten: insgesamt sechs verschiedene Leinen (und da sind die von ihm zerstörten nicht mitgerechnet). Mehrere Geschirre. Gefühlt hat er 30 Bälle in unterschiedlichen Härtegraden und Größen zerstört. Um einen Erwachsenensitzball ins Nirvana zu schießen, hat er gerade mal 30 Sekunden gebraucht. Selbst ein Basketball ist nach 1,5 Minuten vor lauter Schreck explodiert. Sein erstes Kuschelschwein »Piggy« hat nur noch ein Ohr und ein Bein und eigentlich keinen Hintern mehr. Die Nase ist von mir mehrmals geflickt worden. Aber ich kann mich einfach nicht davon trennen. Mamas halt. Da er möglichst kein Fleisch und schon gar keine Innereien essen darf, haben wir eine begrenzte Auswahl an Leckerlis. Natürlich von ganz speziellen Lieferanten, bei denen ich diese in Massen bestelle. Die Schranktür geht nach einer Lieferung manchmal gar nicht mehr zu. In der Zwischenzeit hat er auch ein eigenes Tagebuch, in dem ich Gewicht, alle Besonderheiten sowie neu erlangte Fähigkeiten eintrage. Falls er beim Sport doch einmal abhanden kommen sollte, haben wir uns zu einem Tracker entschieden. Allerdings funktioniert das GPS bei uns in der Pampa nicht wirklich gut. (Wer also eines brauch – ich hätte eines zu verkaufen.) Ein Ersatz mußte her. Die »Freunde-App« auf dem Handy funktioniert mit LTE wunderbar. Tja, was soll ich sagen. Gibson ist wohl der einzigste Hund auf der Welt, der ein eigenes iPhone hat. Dieses ist an seinem Sporthalsband befestigt.

Unser Baby-Gibson hat uns in den letzten Monaten viele Nerven gekostet. Auch viel Geld. Aber es gibt einfach Dinge, die kann man nicht mit Geld aufwiegen. Wenn er vor lauter Freude auf einen zudonnert, mit seinem roten Ball im Mund und man ihn schon fast hört, wie er ruft: »Da bist du ja! Lass uns spielen!«. Oder wenn wir abends alle zusammen auf der Couch liegen, er sich an einen kuschelt und ein zufriedenes Grunzen von sich gibt, sind alle Investitionen, alle Sonderlocken und alle Schmerzen vergessen.

Willkommen in Deinem zweiten Jahr in Deiner dich liebenden Familie, Gibson! Wir sind sehr gespannt, was die kommenden 12 Monate mit dir zu bieten haben. Denn das erste Jahr kommt anders und das Zweite als man denkt.

© by Marita Matschiner

3 Gedanken zu „Ein Jahr mit Gibson. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

  1. OK sagt:

    Hach, Seufz
    Es geht aufwärts. Ich wünsche euch ein langes GESUNDES Leben mit täglich weniger Problemen und Wunden.
    Ein liebes Glück auf…..

  2. Amalie sagt:

    Liebe Marita,
    da hast Du ja alles, wirklich alles sorgfältig zusammen getragen, was Ihr letztes Jahr mit Gibson erlebt habt. Ich freu‘ mich so für Euch, dass sich alle Mühe, Schmerzen und Herzblut so gelohnt haben und wünsch‘ Euch weiterhin eine lange und wunderbare Zeit mit dem großartigen und so tapferen Gibson. Bussis für Euch drei: 😘

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