Kokosexplosion

Im Büroalltag ist für mich eine kleine Nachmittagssünde in Form von etwas Süßem ganz wichtig. Es muss nicht immer ein Stück Kuchen sein. Es geht auch mal eine Tafel Schokolade. Ich bevorzuge in den meisten Situationen tatsächlich die leider Umweltbelastenden, ewig haltbaren und möglichst portioniert eingepackten Süßigkeiten (und ja, ich schäme mich dafür!). Der Schokoanteil sollte bitte möglichst hoch sein. Und wir reden hier jetzt nicht von der Zartbitterschokolade. Bei der rollen sich meine Fußnägel auf und gleichzeitig weigern sich meine Geschmacksknospen im Mund partout ihren Job zu erledigen. Sieht ja noch nicht mal lecker aus. Dunkel und matt. Steinhart ist sie meist auch noch. Meilenweit entfernt von der mir bevorzugten Version: ein leichtes, weiches Braun mit einem dezenten Glanz. Im Mund wird es dann ganz doll cremig und langsam zerläuft dieses schmierige Etwas und erreicht jede Geschmackszelle. Wie ein Lavastrom, der langsam einen Berg runterschmilzt. Jeder erreichte Millimeter veranstaltet umgehend eine Superparty. Mhhhh. Yamyam. Akuter Speichelfluss.

Besonders praktisch an der portionierten Nascherei: sie ist relativ sauber. Ausnahme: Kinder bekommen sie in ihre unkontrollierten Hände. Dann könnte es völlig ausarten. Von den Händen übers Gesicht bis runter zum Shirt und Hose. Mal vom Fußboden ganz abgesehen. Aber ich bevorzuge ja die kleinen verpackten Leckereien. In der Größe einer Mundportion. Ein Happs und alles ist fein und sauber. Regulär funktioniert das auch ganz gut. Bis auf, ja bis auf.

Gestern fiel meine Aufmerksamkeit an der Lebensmittelkasse auf Raffaello. Diese weißen Strand-Kokos-Hut-Pralinen mit einer ganzen Mandel in der Mitte. Viererpack. Perfekt für einen Nachmittag. Um 14:30 Uhr war es dann so weit. Der Nachtisch zum Nachmittag. Habt Ihr schon einmal so eine Packung aufgemacht? Der superkreative Diplomingenieur, der sich das ausgedacht hat, gehört entlassen. Fristlos.

Man startet mit der äußeren Verpackung. Um diese aufzubekommen nimmt man den überlappenden Plastikfalz der Verpackung und zieht diesen vorsichtig in die entgegengesetzte Richtung. Nur ist diese Lasche an der unteren Seite angebracht. Ich möchte noch einmal kurz in Erinnerung rufen: Raffaello ist von innen nach außen wie folgt aufgebaut. Eine ganze Mandel – Milchcreme – Waffel – Kokosraspel. Gebettet wird diese Superkalorienbombe auf einem kleinen weißen Pralinenpapier mit Riffelchen an der Seite. Wollen wir jetzt noch einmal kurz Eins und Eins zusammenzählen? Kokosraspel außen auf der Praline und damit auf Papier in einer Plastikhülle. Die Zellophanverpackung reißt man unten auf. Was passiert dann? Genau: der Schreibtisch sieht aus wie Sau! Überall fliegen diese kleinen Kack-Kokosraspel durch die Gegend. Unter dem Mausepad. Auf dem Tisch. Und sogar auf und in der Tastatur! Jetzt die nächste Herausforderung: ich will unbedingt an die Kugeln kommen. Da ich ruckartig aufgehört habe, das Zellophan weiter auseinanderzureißen (denn es wären alle Kugeln von ihrem Papiertellerchen unkontrolliert in dem Großraumbüro herumgekugelt), versuche ich schnell und jetzt auch noch sabbernd, an diese Köstlichkeit zu gelangen. Mir bleibt die Wahl. Entweder die Packung ganz aufreißen und damit die ganzen losen Kokosflocken ungewollt durch die Gegend fliegen zu lassen (die Kugeln wären dann zumindest noch heile). Oder die Verpackung jetzt so zu lassen wie sie ist (Öffnungsgröße entspricht einer Kugel ohne Papierteller) und die Kugeln einzeln rausgepuhlt zu bekommen. Ich entscheide mich für das zweite Vorgehen. Ich puhle und puhle und versuche mit möglichst wenig Verlust vom Kokoskram an eine heile Kekskugel zu kommen. Sie zerbröselt leider in viele kleine Teilchen. Die auftauchende Milchcreme könnte auch als Kleber dienen. OK. Bei der nächsten muss ich noch behutsamer vorgehen. Neue Strategie: von unten die Tüte leicht drücken und die Kugel damit nach oben schieben. Shit. Der Druck war wohl zu groß. Die Kugel schießt an mir vorbei. Direkt auf den Fußboden. Auf dem Teppich bleibt ein kleiner Kreis von weißen Raspeln als Hinterlassenschaft. Die Dritte schieße ich mir direkt in den Mund und kriege einen Hustenkrampf von den losen Kokosraspeln. Die sind direkt in meinen Rachen geflogen und haben dann brav der Schwerkraft nachgegeben. Sie rutschen mir die Luftröhre runter. Die Kugel folgt den Kokosflocken im Sturzflug hinterher. Ich fange an zu würgen und versuche durch kräftiges Husten die Kugel wieder hervor zu bekommen. Mit Erfolg. Ich kann sie gerade noch vor dem ungewollten Sturzflug auf den Boden retten. Die Nummer Vier wird wieder mit der ersten Methode versucht. Was mehr schlecht als recht funktioniert.

Das Ende vom Lied: Die Milchcreme hat sich auf meinen Lippen und dem Kinn verteilt. Die Finger kleben wie Hölle von der Milchcreme. Ich glaube ein bisschen hängt sogar in meinen Haaren. Der größte Teil des schmierigen Zeugs ist auf der Laptoptastatur gelandet, zusammen mit diesen Raspeln. Um mich herum sieht es aus, als ob einige Kokosnüsse explodiert sind. Ich und mein Umfeld sehen aus wie eine 3-Jährige, die unkontrolliert versucht hat, ihr erstes Milcheis zu verschlingen. Ist mir egal. Ist nun mal mein Laster. Ich trage gerne die Konsequenz. Denn ich bin seelig. Ein paar Kugeln – leider nicht alle vier – gehören mir und haben mir den Tag versüßt.  Ich lächle zufrieden und mit Endorphinen gestärkt in meinen Bildschirm und gehe meiner Verpflichtung nach.

© by Marita Matschiner

 

2 Gedanken zu „Kokosexplosion

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