Ein geliehener Traum zwischen Riesling und Apfelbäumen (Womo-Tour Teil 1)

Jeder von uns hat Träume. Das hoffe ich zumindest. Manche sind realistisch und greifbar. Andere Träume sind weiter entfernt als die Raumstation ISS. Wir haben ein Paar in unserem Freundeskreis, die haben es irgendwie geschafft, sich ihre greifbaren Träume zu erfüllen. Einen Traum durften wir uns für ein paar Tage ausleihen. Ihr hergerichtetes und selbst Racing-Grün gestrichenes Wohnmobil.

Vor Abfahrt gab es natürlich eine Einführung. Wo ist der Stromanschluss und was muss man beachten? Wo kommt das frische Wasser rein? Wo kommt das dreckige Wasser wieder raus? Wichtig und bitte niemals vergessen: hinten ist ein Aufbau für einen Vespa-Roller oder für Fahrräder. Dieser ist nicht bei der Rückfahr-Piep-Susi einberechnet. Wenn man also rückwärtsfährt: dran denken. Sonst Beule. Die erste Maßnahme war ein Post-it: Metallding! Für jeden sichtbar angebracht. So dürfte nichts schief gehen.

Schon geht´s los. Wir machen uns auf dem Weg nach Niedersachsen. Dort wird in knapp einer Woche unser jährliches Familienfest stattfinden. Auf dem Weg dorthin gibt es ein paar Stopps. Mal hier, mal da. Eine abwechslungsreiche Reise mit einigen interessanten Erfahrungen soll uns dieser Urlaub bringen. Der Weg ist das Ziel!
Um mir diese Art von Urlaub möglichst schmackhaft zu machen, hat mein Mann eine tolle Idee: wir fahren erst einmal Richtung Westen ins Schwabenländle. Erster Halt: Metzingen Outlet! Nach der erfolgreichen Shoppingaktion geht es dann weiter auf der Landstraße. In unserem neuen Womo-Stellplatzführer haben wir ein kleines feines Weingut mitten in der Pampa ausgesucht. Das soll unser erster Halt sein. Schon bei der Einfahrt jauchze ich vor Begeisterung. „Wie hübsch und liebevoll!!!“ Wir stehen vor einem eingewachsenen Flohmarkt. Niedliche alte Holzmöbel und Metallteile, die geschmackvoll mit Pflanzen dekoriert und zeitweise umwuchert sind. Während mein Mann das Fahrzeug parkt und die notwendigen Maßnahmen startet, um das Womo sicher abzustellen und den Strom anschließt, begebe ich mich auf die Suche zur Anmeldung. Und der Weinbeschaffung.

Ich marschiere Richtung Haupthaus. Dort werde ich erst einmal von „Onkel Adolf“ herzlichst begrüßt. Zu meiner Verblüffung nimmt er mich erst einmal in den Arm. Verfällt direkt ins „du“. (Ich habe den Mann vorher noch nie gesehen. Ich schwöre!) Nachdem wir geklärt haben, dass wir nur eine Nacht bleiben und ja, mit einem Womo reisen, teilt er mir noch die Möglichkeit für einen Frühstück-Semmel-Service mit. Ja, diesen super Service möchten wir gerne in Anspruch nehmen. Zwei kleine Kreuze auf einem Zettel und schwupp sind wir beim Thema Wein. „Bitte trocken, weiss und keine Grauburgundertraube.“ Das ist ihm mal völlig egal. Onkel Adolf ist der Meinung, ich muss erst einmal alles durchprobieren. Er stellt mir ein Wasserglas halbvoll mit Wein hin. Zusätzlich zaubert er eine Schüssel mit Schüttelbrot und Erdnüsse irgendwo her. Vor allem soll ich mich jetzt endlich hinsetzten. „Es ist sonst so ungemütlich.“ Er stellte mir einige Flaschen direkt vor die Nase und fängt an zu erzählen. Hintergründe, Geschmack, Geruch, und so weiter. Ich muß jedes Glas bis zum letzten Tropfen austrinken. Natürlich trinkt er mit. Hiervon ein Schlückchen. Ach und davon auch ein Schlückchen. Das wiederholt er solange, bis ich äußerst energischen Einspruch erhebe. Gefühlt habe ich innerhalb von 30 Minuten eine Flasche Wein getrunken. Ich muss hier raus. Vor allem, bevor er noch mit dem roten Wein ankommt. Ich reiße mich zusammen und versuche, unterstützend durch meinen Fingerzeig, klar und deutlich zu formulieren: „Isch nehm deeen da.“ Puhhh. Das war schwer. Tief Luft geholt und weiter geht’s: „Den halbtrockenen Riiiiesling! Eine Flasche jetzzz und eine Kischte holn wir morgen beim Scheck Out.“ Onkel Adolf will mich so nicht einfach gehen lassen. Er schenkt mir noch einmal nach und meint „Is grad so schöööön gemüüüülisch! Einn noch aufn Wech.“ Ich will aber los und stehe auf. Schwankend stehe ich ihm gegen über. Meine Güte. Der Wein hat es echt in sich. Ich kann kaum noch gerade gucken. Er drückt mir eine Flasche von dem Riesling in die Hand, und lehrt sein Glas in einem Zug. Er nimmt auch eine Flasche, hakt sich bei mir ein und meint „Na guhht, dann will isch mier maaa deine andre Hälfe anschauuun! Die besssereeee hab isch ja hier am Aaarm!“. Er lacht schallend und ist ganz hin und weg von seinem eigenen Witzle. An dieser Stelle sei es kurz erwähnt: Onkel Adolf ist locker um die 90 Jahre alt.

Wir müssen ein sehr merkwürdiges Pärchen abgeben, wie wir beide so richtung Wohnwagenstellplatz schunkeln. Mein Mann stellt umgehend zwei Klappstühle auf, als er uns sieht. Es ist wohl sehr offensichtlich, dass wir ziemlich angeschickert sind. Onkel Adolf begrüßt ihn mit Handschlag und klopft ihm auf die Schulter. Total männlich. Er macht einen Schritt zurück. Begutachtet ihn von oben bis unten. Dann nickte er, stellte seine Flasche auf unseren Campingtisch und meint schmunzelnd „Lasschts Euch schmecken. Die isch von miiiir. Schöönn Abend.“ und schunkelt wieder Richtung Heimat.

Der nächste Morgen ist von Stille erfüllt. Das Aspirin hat Wunder bewirkt und das Schlimmste verhindert. Der angekündigte Semmel-Service hat auch funktioniert. Die Tüte liegt auf unserem Campingtisch. Das Frühstück in der Sonne, zwischen Apfelbäumen und Weinreben ist ein wahnsinns Ambiente. Und der Geruch erst. Kurz vor dem Check-out kommt der Womoführer wieder zum Einsatz. Wo wird es uns hin verschlagen? Einer von uns schließt die Augen und tippt mit dem Finger einfach auf einen Punkt auf der Karte. Der Campingplatz, der halbwegs auf der vorgegebenen Rute liegt, wird das nächste Ziel. Wir packen zusammen und machen uns mit zwei Kisten halbtrockenen Riesling auf zu unserem nächsten Halt. Ein Jachthafen. Was werden wir wohl dort erleben?

Auf alle Fälle können wir schon jetzt sagen: Der ausgeliehene Traum wurde innerhalb von ein paar Stunden zu unserer Realität. Und die ist bis jetzt ganz toll.

© by Marita Matschiner

 

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