Der Zauber vom Zuhause

pic by Achim Matschiner

„Nirgends ist es so schön wie daheim“ – Dorothy Gale „Der Zauberer von Oz“

Diesen Satz sagte Dorothy in ihren wunderschönen roten Glitzerpumps. Klack-klack-klack – die Hacken zusammengeschlagen und diesen Satz mit geschlossenen Augen mehrmals wiederholt. Um endlich den erwarteten Wunsch wahr werden zu lassen: wieder nach Hause kommen! Ich brauche meine Augen nicht zu schließen. Ich brauche auch nicht die Hacken mehrmals zusammenschlagen. In diesem Ausnahmefall brauche ich auch keine roten Glitzerpumps (auch wenn diese ein Kindheitstraum von mir sind). Unser Urlaub ist vorbei und wir sind auf dem Heimweg. Wir freuen uns schon sehr auf unser Zuhause. Können es kaum erwarten endlich wieder in unserem Heim zu sein. Wir lieben unsere vier Wände und sind einfach gerne dort. Trotzdem: wir haben noch nicht einmal die deutsche Landesgrenze erreicht und schon fange ich an, über die vielen Möglichkeiten unseres nächsten Urlaubs nachzudenken. Immerhin ist es ja die schönste Zeit des Jahres. Das muss gut geplant und vorbereitet sein. In unserer kleinen Familie hat sich in diesem Sommer ein Fakt geändert. Wir haben ab jetzt ein paar Freiheiten mehr und die Urlaubswunschliste hat sich etwas verlängert. Bisher waren Urlaube mit dem Flugzeug keine Option. Jetzt steht uns die Welt offen und wir können diese erkunden.

Zu Hause angekommen spreche ich das Thema gleich einmal an. Wir diskutieren die einzelnen Destinationen durch. Listen Vor- und Nachteile auf. Politische Situationen. Da sind gleich einige Länder raus. Da muss ich noch nicht einmal drüber nachdenken. Anreisedauer. Wir haben keine Lust stundenlang im Flieger zu sitzen, um das Ziel zu erreichen. Das Ganze dann auch noch einmal zurück. Nein, danke! Sprachbarriere. Für Frankreich habe ich acht Wochen lang gebüffelt. Jeden Tag. Vor Ort guckte man mich bei meinen Versuchen mich in der Ländersprache zu verständigen nur komisch an und verdrehte die Augen. Last but not least: die Dauer des Aufenthalts. Das ist für uns ein immens wichtiger Punkt. Wir sind eigentlich „Kurzurlauber“. Wir sind möglichst nicht länger als zehn Tage unterwegs. Die Vorstellung einen zweiwöchigen Urlaub am Freitagabend in Richtung Flughafen zu starten und eine Woche später am Sonntag wieder nach Hause zu kommen, um am Montagmorgen gleich wieder in die Arbeitsmühle zu marschieren, geht gar nicht. Das ist für uns tatsächlich schon in Stein gemeißelt: Kommt für uns nicht in Frage. Aber manche Reiseziele funktionieren einfach nicht in zehn Tagen. Mhhh. Schlamassel. Um diesem zu entkommen bzw. die Entscheidung nach dem „Wohin“ zu erleichtern, stelle ich mir eine ganz grundlegende Frage: Was ist am Urlaub wirklich wichtig? Worauf freuen wir uns wirklich, wenn es um unsere freien Tage im Jahr geht? Eine Antwort zu finden, ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so einfach.

Für eine Freundin und ihren Mann ist Reisen eine Mission. Sie ist mit ihm bei jeder Gelegenheit unterwegs. Entweder an das andere Ende der Welt oder einfach eine fremde Stadt erkunden, die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt ist. Vor Jahren war sie monatelang mit ihrem Mann und zwei Rücksäcken unterwegs. Einmal um die ganze Welt. Andere Freunde sind gefühlt alle vier bis sechs Wochen unterwegs. Entweder im Hotel, mit dem VW-Bus oder bei Familie und Freunden. Allein die Anzahl der Ausflüge und Urlaube dieses Jahr überschreitet meine bisher eingereichten Urlaubstage. Jeder von uns hat unterschiedliche Beweggründe. Welche sind das? Warum wollen wir möglichst viele Tage unterwegs sein? Was zieht uns in die Welt? Ist es das Entdecker-Gen? Möglichst viele neue Eindrücke bekommen und neue Dinge sehen? Oder doch eine innerliche Unruhe? Mit dem gelebten Leben nicht so ganz zufrieden zu sein, wie eigentlich gedacht, gehofft oder erträumt? Sind diese Urlaube in Wahrheit eine Flucht vor dem Alltag? Vor der Arbeit? Vor unseren alltäglichen Verpflichtungen? Oder sind es am Ende ganz banale Gründe? Entspanntes Ausschlafen. Kein Wecker. Keine Meetings. Keine Telefonate. Mal keine Betten machen und der morgendliche Frage vor dem Kleiderschrank entfliehen? Einfach von der Routine ausbrechen? Ist es die Sucht danach nichts-tun?

Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Wohltat für mich ist, 14 Tage auf einer Liege im Pauschalurlaub zu liegen und sich bedienen zu lassen. Den Kampf am Buffet als einzige Herausforderung zu haben. Das hin und her Überlegen, ob man nun einen Long Island Ice Tea oder einen Caipirinha bestellt. Welche Form und Farbe der Strohhalm hat, als größte Überraschung des Tages zu sehen. Oder lieber durch fremde Städte schleichen, um die Errungenschaften längst verstorbenen Menschen zu bewundern. Oder: Der Versuch, krampfhaft in der Landessprache ein Getränk zu bestellen, während der Kellner einen einfach nicht verstehen will. Aus welchem Grund auch immer. Ganz fies ist es dann festzustellen, dass er am Nachbartisch fließend mit den anderen Gästen aus der Heimat auf Deutsch spricht und Witze reist. Da glaubt man echt, im falsche Film zu sein. Und überlegt in diesem Moment krampfhaft, was man falsch gemacht hat oder was mit einem nicht stimmt.

Ein anderer Aspekt. Will ich mich im Urlaub lieber beim Sport auspowern und die Endorphin-Ausschüttung bis ans obere Limit bringen? Zurück ins Hotel kriechen, weil der Körper wegen der extremen Belastung einfach bei Null angekommen ist. Dann kommen noch die Postkarten. Auch wenn wir im WhatsApp- und Facebook-Zeitalter angekommen sind. Ich möchte meine Familie und meine Freunde an unseren tollen Erlebnissen teilhaben lassen. Das endet meist in einer krampfhaften Suche nach einem Laden mit Postkarten, der dann auch die passenden Briefmarken hat. Anschließend setzt man sich gemütlich irgendwo hin und möchte unbedingt einen tollen Einblick in seine schönste Zeit des Jahres geben. Und dann: Schreibsperre! Es folgt: „Tolles Wetter! Tolles Essen! Hoffentlich bis bald und liebe Grüße!“

Wieder zu Hause endet der Urlaub dann im Stress des Wäschewaschens. Bügeln, Aufräumen, Koffer verstauen. Ganz schlimm ist dann der erste Arbeitstag. Der Vormittag ist gefüllt mit hinreißenden Erzählungen. Der Nachmittag dann mit möglichst viel Aufarbeiten der liegengebliebenen Arbeit. Der reguläre Arbeitstag wird mit den ersten Überstunden gefüllt. Abends folgt der Urlaubs-Jetlag. Der mitgebrachte Wein schmeckt nicht so gut wie im Urlaubshort. Ich bin fix und fertig. Ich denke sehnsuchtsvoll an den letzten Urlaub. Aber an was genau? An das Ausschlafen? An die fremden Dinge? Die neuen Impressionen? Der Kampf, ein Getränk zu bekommen? Und an die Qual der Wahl, welches Getränk ich denn überhaupt bestelle? An die meetingfreie Zone? An das stille Telefon. An das totale Auspowern beim Sport. An das In-den-Tag-hineinleben? Ohne Verpflichtungen. Ohne Alltagsstress. Es scheint also eine Kombination von allem zu sein. Für mich zumindest.

Dorothy hatte leider nur bedingt Recht – trotz traumhafter roter Glitzerpumps. Nichts ist so schön, wie nach Hause zu kommen und seiner Fantasie über zukünftige Reisen freien Lauf zu lassen. Wohin wird es uns als nächstes ziehen? Und was werden wir dort alles erleben? Und natürlich: Welches Getränke werde ich bestellen und wird es am Ende auch serviert?

© by Marita Matschiner

 

Ein Gedanke zu „Der Zauber vom Zuhause

  1. Ina sagt:

    Danke fürs Teilen deiner Gedanken…und ja, ich glaube auch, dass es immer die Mischung macht, was Urlaub zu etwas Besonderem macht!

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