Müde, Pipi, Kaffee

pic by Achim Matschiner

Ich mag gleiche Abläufe. Regelmäßigkeiten. Besonders am Morgen. Das war schon immer so. Der Morgen ist eingespielt. Alle Dinge, die ich zu erledigen habe, haben ihre wohlüberlegte Reihenfolge. Und das ist auch gut so. Ich komme tatsächlich etwas durcheinander, wenn ich morgens einen privaten Termin habe oder mein Mann erst eine Stunde später ins Büro fährt. Denn eine Stunde später ins Büro heißt auch, eine Stunde später das Zuhause verlassen. Und das bedeutet nun wiederrum: mein eigener perfekt eingespielter, heißgeliebter morgendlicher Ablauf gerät durcheinander. Und wenn ich eines nicht mag, dann morgens aus dem Rhythmus zu geraten.

Mein Mann gibt sich redlich Mühe mir morgens nicht in die Quere zu kommen. Ich brauche erst einmal ein bis zwei Kaffee in der Früh. Sonst funktioniert bei mir gar nichts. Ich will nicht reden. Ich will keine Fragen beantworten. Und garantiert will ich keine Entscheidungen treffen. In jungen Jahren war ich noch viel schlimmer. Meine Mutter hat es freudestrahlend ausgenutzt, ihre Tochter samstagmorgens zu quälen. Mit morgens meine ich morgens. Denn sie fing damals schon gegen 6:00 Uhr an zu arbeiten. Da ich das Auto zum Einkaufen brauchte, musste ich sie zur Arbeit fahren. Daher kam ich aus der Nummer samstags früh morgens aufzustehen nicht raus. Ohne Wachflüssigkeit im Magen verlasse ich das Haus nicht. Würde auch nichts bringen. Ich laufe wie ein Zombie durch die Gegend und meine Reaktionszeit ist genau genommen gleich Null. Vermutlich wäre auch Autofahren eine eher gefährliche Angelegenheit. Daher kam gegen 5:15 Uhr die Frage meiner Mutter: „Was magst du denn trinken? Saft? Wasser? Tee? Kaffee?“. Da ich zu dieser Zeit nicht so vernarrt in Kaffee war, kam als Antwort: Tee. Was mein erster Fehler war. „Grünen? Schwarzen? Roten? Weißen?“. Antwort: grün. Das war dann ganz klar mein zweiter Fehler des Tages. Denn darauf folgte „Kamille? Pfefferminze? Salbei?“. Sie amüsierte sich wie Bolle und ich wurde immer stinkiger und muffeliger. Egal was ich gewählt habe, sie hat noch einen draufgesetzt. Meistens endete es damit, dass ich irgendwann völlig entnervt und ziemlich aggro nur noch „EGAL!“ brüllte und mich unter der Decke versteckte.

Im Laufe der Zeit und der Selbstreflektion nahm die Morgenmuffeligkeit Gott sei dank ab. Ich achtete darauf, wie ich mit mir und meinen Mitmenschen in der Früh besser klarkam. Es war einfacher der Bäckereifachverkäuferin mit einem Lächeln zu begegnen, ohne sie gleich auf Ally-McBeal-Art in einen Müllkontainer zu schubsen. Und das nur, weil die Butterbrezen gerade erst in der Mache waren.

Meinem Mann habe ich am Anfang drei Regeln empfohlen, damit wir einen neuen Tag nicht gleich mit dem ersten Zoff starteten. Er hat sie freiwillig und mit einem Lächeln angenommen und umgehend umgesetzt. Ich habe eine Ahnung warum. Erstens: Wenn ich müde bin, lass mich schlafen. Zweitens: Wenn ich auf die Toilette muss, halt einfach schnell irgendwo an – egal wo. Drittens: Wenn ich morgens aufstehe, gib mir einen Kaffee und sprech mich blos nicht an, bevor ich ihn inhaliert habe. Und in dem Zusammenhang schon gar keine Entscheidungen von mir erwarten! Ergebnis: Dann geht alles glatt.

Diese „Warnung“ hätte ich wohl auch meinen Mädels mitgeben sollen, als wir im Frühling in unser erstes gemeinsames Mädelswochende nach Salzburg gefahren sind. Für mich war es selbstverständlich der Kellnerin am Frühstückstisch zu sagen: „Bitte einen großen Kaffee.“ Sie schaute mich an wie ein McDonalds-Verkäufer, der gleich mit seiner Gegenfrage und diesen von mir gehassten Auflistungen startet: „Als Menü? Zum Mitnehmen? Getränk? Eis?“. Und ich denke mir dabei immer, was so unklar formuliert ist bei „Einen Big Mac und kleine Pommes zum hier essen und eine Cola ohne Eis, bitte.“? Die Frühstückskellnerin hatte wohl an der gleichen Schule gelernt. Denn sie konterte mit „Cappuccino? Milchkaffee oder einen Verlängerten?“. Darauf kam von mir eine endgültige und nicht diskutierbare Antwort: „Einen großen schwarzen Kaffee, bitte. Ach, bringen Sie mir bitte gleich zwei – um es abzukürzen.“ Ich drehte mich wieder zurück zu meinen Mädels und alle drei schauten mich stillschweigend und mit großen Augen an. Sie brauchten ein, zwei Sekunden, dann richteten sie wieder ihre Aufmerksamkeit dem Frühstück zu. Mir war das gar nicht so bewusst. Bis eine aus dieser Truppe mich Monate später mit der Erzählung aufzog. Sie waren wohl alle sehr überrascht, mich so direkt und mit einem sehr barschen Ton zu erleben. Und ich dachte, es ist mit meiner Morgenmuffeligkeit besser geworden. War wohl ein Irrtum.

Früher habe ich mich ein bisschen dafür geschämt, dass ich diese selbst antrainierten Abläufe in der Früh als beruhigend empfinde und damit besser in einen positiven Tag komme. Dass ich mich morgens nicht ohne flüssiger Vorbereitung unters Volk mischen sollte. Als Schutz für meine Mitmenschen. Aber ich bin nicht alleine damit. Eine Freundin hat letztens mit ihrem Mann, ihrer Tochter sowie deren Hund bei uns übernachtet. Die Eltern waren auf einer Hochzeit bis spät in die Nacht. Am nächsten Morgen beim Frühstück kam sie im Schlafanzug an den Tisch und meinte nur: „Guten Morgen. Bitte einen großen schwarzen Kaffee und mich für ein paar Minuten blöd schauen lassen. Dann bin ich für euch da.“

In dieser Situation hatte ich vollstes Verständnis und fühlte tiefste Dankbarkeit. Und lies sie in Ruhe ihren Kaffee trinken.

© by Marita Matschiner

 

4 Gedanken zu „Müde, Pipi, Kaffee

  1. Ina sagt:

    Das Warten hat sich gelohnt…Du hast mir einmal mehr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert!
    Es ist einfach so weit weg von dem Bild, was ich über die Jahre von Dir bekommen hab, dass ich niemals gedacht hätte, dass es eine Zeit am Tag gibt, zu der Du nicht auf der vollen Höhe bist 😉

  2. Elke Tolkemit sagt:

    Ich sitze gerade mit meiner morgentlichen großen Tasse Kaffe im Wohnzimmer und sorge so für einen guten Start in den Tag. Heute schon nach den ersten Schlucken mit einem Lächeln…, in diesem Sinne einen schönen Tag, Elke

  3. Guggi sagt:

    DANKE (musste schon sehr schmunzeln) … ich bin nicht alleine 🙂 Diese Geschichte hätte ich auch schreiben können … mit 1 Ausnahme … mein Schatz hat immer noch Ausrutscher und meint ich müsste morgens eine normale Unterhaltung führen können obwohl mein Hirn noch schläft

  4. OK sagt:

    Na hallo.
    Schön zu wissen das es auch anderen so geht.
    Brauchte im Mopedverein auch ein paar Ausflüge.
    Dann haben sie mich in Ruhe gelassen – bis nach dem ersten Kaffee. Neulinge werden von den alten Hasen vorgewarnt. Funktioniert super.
    Gruss an alle die sich morgens erst mal sammeln müssen…..

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