Schön ist es auf der Welt zu sein

Blumenkind

Am 27. Oktober 1979 war ich das erste Mal am Abend unter mehreren 1000 Menschen und alle hörten einer Band mit vier Buchstaben zu: ABBA. Wir waren acht Monate vorher von West-Berlin nach Bayern gezogen und es war mein allererstes Live-Konzert in dieser Größenordnung. In Berlin sind Mama und ich regelmäßig zur Aufzeichnung der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck gegangen. Das war mein Highlight der Woche. Und wenn ich erfahren habe, dass mein Idol kommt und live für uns singen wird, habe ich meine Mama so lange beschwatzt, bejammert und bezirzt, bis sie mir eine Rose gekauft hat. Diese nahm ich dann voller Stolz mit ins Studio. Dann kam er auf die Bühne, die ersten Noten erklangen und da war er: Howard Carpendale! Ich bekam rote Wangen und glänzende große Augen. Ich konnte es kaum erwarten. Er war es wirklich. Voller Stolz schritt ich die Treppe hinunter zur Bühne wo Howard sein „Ti Amo“ schmetterte. Strahlend blickte ich zu ihm auf. Er beugte sich lächelnd zu mir runter und ich übergab ihm stolz meine Rose. Als Dank erhielt sogar einen Kuß auf die Wange. Wie in Trance schlurfte ich zurück zu meiner Mama zu den Sitzplätzen.

 

Irgendwie hört sich das nach einem Teenager an, der auf einem Take That-Konzert war und ein Meet and Greet gewonnen hat. Aber ich habe eine gute Entschuldigung: ich war noch ganz ganz klein, jung und unschuldig.

 

In der Zwischenzeit habe ich für mich alle wichtigen Größen gesehen. Ich vermisse wirklich nur sehr wenige auf meiner Wunschliste. In der Zwischenzeit hat Gott viele davon zu sich gerufen. Natürlich war ich auch auf vielen Livekonzerten, die eher wichtig für mein direktes Umfeld waren. Zum Beispiel war ich mit meinem Mann bei The Police und mit meinen Eltern bei Peter Maffay. Mit meiner Mama war ich bei Rod Steward, den Bee Gees und mindestens viermal bei Paul McCartney (einmal davon sogar mit meiner ganzen Familie). Vor kurzem erst am 10. Juni 2016 im Olympiastadion in München. Zwei Stunden hat Sir Paul gespielt. Unglaubliche Leistung. Großartiges Konzert. Es waren zwei fantastische und unbeschreibliche Stunden die ich mit meiner Mama und Paulemann verbracht habe. Einfach Grandios.

 

Dann waren natürlich die Konzerte von diesen No-Name-Bands. Damals, als ich so um die 20 Jahre jung war. Ich kann mich gar nicht mehr an die Namen dieser Bands erinnern. So ein überzeugtes Groupie war ich dann wohl doch nicht. Aber hinterher gereist sind wir – soweit der Inhalt des Geldbeutels es zugelassen hat. Aber da will ich nicht weiter darauf eingehen. Da hat eine Freundin mehr zu berichten – da komme ich nicht gegen an. 😉

 

Eine der für mich intensivsten Veranstaltungen war vor ein paar Jahren kurz vor Weihnachten: Simply Red. Siebte Reihe in der Arena. Auch mit meiner Mama. Und es war irre zu sehen, was für einen Spaß Mick Hucknall und die Band hatten. Großartig. Prinz war der Hammer. Bon Jovi unvergesslich. Der große James Brown kam echt noch auf die Knie und ließ sich in der Tat den Mantel umhängen. Nathalie Cole sang mit ihrem Papa „Unforgettable“ und mir kamen die Tränen. Dieses Lied rührt mich heute immer noch so. Billy Idol – mein Gott, der sieht noch genauso fit aus wie in den 80ern. Und selbst im strömenden Regen Jamie Cullum zuzuschauen wie er von seinem Flügel springt. Einfach göttlich!

 

Aber wenn Ihr Eure alltäglichen Gedanken, Probleme, Unruhen und Uneinigkeiten für einen Abend loswerden wollt, Euch für eine gewisse Zeit einfach nur nach zufriedenen, harmonischen Menschen um Euch herum sehnt und ein paar verrückte Texte und Kostüme zur Erheiterung braucht:  da bleibt nur einer – die singende Föhnwelle Dieter Thomas Kuhn.

 

Augen auf! Ohren auf! Herz auf! Und die Poren auf Empfang gestellt! Denn nach diesen zwei Stunden sind die Akkus mit positiver Energie vollkommen aufgeladen. Glück, Zufriedenheit, Wohlbefinden, Freude und Harmonie. Genau die in diesen Zeiten selten genutzten, für manche auch selten gefühlten, positiven Adjektive und Begriffe werden Realität. Sie sind fühlbar. Sehbar. Hörbar.

 

Hier wird das Lied „Schön ist es auf der Welt zu sein. Sagt die Biene zu dem Stachelschwein…“ wirklich zur puren Wahrheit. Denn man fühlt es. Tief in einem drinnen. In jeder Pore. Gänsehaut pur. Wenn hunderte, nein, tausende von Menschen diesen extrem kitschigen Text singen. Dabei gemeinsam schunkeln und die Sonnenblumen über ihren Köpfen im Takt schwingen. Jeder lächelt vor sich hin. Jeder ist in diesem Moment völlig im Reinen mit sich, seinem Partner, seinen Eltern, dem Chef, den Kollegen oder den Nachbarn. So wohlig warm. Und es fühlt sich einfach so richtig an. Da kommt man gar nicht aus. Diese Glückswelle überschwemmt einen und man muss einfach mit machen. Mitschaukeln. Mitsingen. Mitlächeln. Mitglücklich sein.

 

Über die Musik lässt sich bei so einem Konzert nicht streiten. Entweder man mag den deutschen Schlager – oder eben nicht. In meiner Kindheit war das ja das A und O meiner Musikwelt. Hat sich eindeutig gewandelt. Aber wenn Dieter Howards „Ti Amo“ schmettert, bin ich wieder klein und im Jahre 1977 in West-Berlin. Nur dieses Mal mit Sonnenblume statt mit Rose. Mit roten Wangen und glänzenden, großen Augen strahle ich Dieter an. Und ich bin 1000%ig sicher und völlig überzeugt von den Worten: Schön ist es auf der Welt zu sein!
 © by Marita Matschiner

2 Gedanken zu „Schön ist es auf der Welt zu sein

  1. Lotsch sagt:

    was du alles für Größen im Show-Geschäft gesehn hast. fantastisch. Und wie du den Kuhn benschreibst, muss etwas außergewöhnliches sein.

    So hat jeder seine Momente, die daran erinnern, dass es auf der Welt schön sein kann.

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