Unkontrollierte Tränen

Licht und Schatten

Licht und Schatten // pic by Achim Matschiner

Ich sitze hier. Und mir fehlen die Worte. Was soll man auch sagen? Die Frau liegt in meinen Armen, zittert, schluchzt. Ich halte sie einfach nur fest. Streichle ihr über den Rücken. Auch meine Tränen laufen unkontrolliert. Aber es geht nicht um mich. Es geht um sie. Um ihren Mann. Um deren Familie.

Was soll man nur sagen, wenn sie einen mit verquollen, roten, verheulten Augen anschaut und verzweifelt flüstert „Ich will nicht, dass er geht!!!“. Sie versucht die immer wieder kehrenden Tränen wegzuwischen und schluchzt die zwei logischen Folgesätze „Was soll ich nur ohne ihn tun? Wie soll ich weitermachen?“

Da fehlen einem die Worte. Da gibt es keine Antwort. Geschweige eine richtige. Was kann man nur sagen? Man sitzt nur da, die Hände des Gegenübers drückend. Festhalten. Eine Schulter anbieten. Ein Taschentuch reichen. Verständnis zeigen. Stabilität geben. Zeigen dass man da ist und auch wirklich da ist.

Es dauert lange bis man damit umgehen kann. Als betroffene Person und als Externer.

Seit Jahren weiß man es. Aber die Zeit läuft. Unaufhörlich. Tick. Tick. Tick. Ohne Erbarmen.

Es gibt immer wieder eine Hoffnung. Täglich werden neue Medikamente entwickelt und freigegeben. Neue Behandlungsmethoden setzen sich durch. Ein anderes Krankenhaus. Ein anderer Arzt. Die Hoffnung auf eine andere Diagnose. Man betet. Man hofft. Aber, irgendwann ist es so weit. Da ist keine Hoffnung mehr. Es folgt die Verdrängung. Es wird schon. Morgen wird ein besserer Tag. Nächste Woche ist alles wieder ok. Nächsten Monat haben wir ja Urlaub gebucht, da geht es bestimmt wieder. Und dann der Rückschlag. Man bekommt keine Luft mehr. Der Boden wird einem unter den Füßen weggerissen. Ist wie betäubt. Das einzige Gefühl ist der Magenschwinger von Mike Tyson. Atmen. Aber es geht nicht. Man will es nicht glauben. Man kann es nicht glauben. Man verdrängt. Aufs Neue. Die einzige Möglichkeit um weiter zu Leben. Verdrängen um zu atmen. Verdrängen um zu essen. Verdrängen um zu leben. Nicht zusammenbrechen. Stark sein. Für diesen einen Menschen. Und man weiß nicht, wie lange man das durchhalten kann.

Menschen werden oft zu früh aus dem Leben gerissen. Unvermutet, ruckartig, ohne Vorwarnung. Aber macht es das besser? Wird es für die Hinterbliebenen dadurch leichter? Wenn jemand einfach so ohne Vorwarnung plötzlich nicht mehr da ist? Ohne Chance auf Vorbereitung. Auf das was da auf einen zusteuert? Unaufhörlich. Ohne Pause. Ohne Umweg. Ohne Unterbrechung. Keine Möglichkeit mehr alles zu sagen. Die letzten wichtigen Worte. Die letzten wahren Worte. Dem Anderen diese Worte zu geben, die so wichtig sind!

Ist es egal ob man sich vorbereitet oder ob es von heute auf morgen passiert?
Ist es einfacher?
Ist es schmerzloser?
Ist es menschlicher?
Ist es erträglicher?

Ich sitze hier. Mir fehlen die Worte. Meinen Tränen laufen unkontrolliert.

© by Marita Matschiner

2 Gedanken zu „Unkontrollierte Tränen

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