Ein Gibson steht im Walde – ganz still und stumm

Ein Gibson nachdem er im Wald war

Der „Knirps“ ist nun seit 13,5 Wochen bei uns. Ich bin äußerst überrascht, was so läuft bzw. nicht läuft. Wie und was mit Gibson funktioniert oder eben auch nicht. Manches auch so leider überhaupt gar nicht. Kurz in die Runde gefragt: gibt es eigentlich eine Steigerung von „überhaupt gar nicht“?

Das wir ihn erst mit seinem neuen Namen konfrontieren mussten, war ja klar. Das hat er relativ schnell kapiert. Wer sollte auch sonst gemeint sein, wenn alle Anwesenden in seine Richtung starren und laut und immer wieder „Gibson“ in unterschiedlichsten Tonlagen trällern. Am Abend ging es dann frohen Mutes in den ersten Stock in unsere Wohnung. Nur wer kam nicht mit? Richtig: Gibson. Der Wurschtel wehrte sich mit allen vier Pfoten, die Treppen hoch zu tapern. Mein Mann musste ihn hoch tragen. Er konnte es gar nicht. Hat es nie gelernt. Also am nächsten Tag: Treppen steigen üben. Was für unser eins so völlig normal und selbstverständlich ist, hat uns ganze zwei Tage Training gekostet. Überraschung: runter ging übrigens auch nicht. Nächste Herausforderung. Für das wieder runter kommen brauchten wir dann zusätzlich noch einen Tag. Zumindest konnte er jetzt selbstständig Treppensteigen. Machte es einfacher.

Essen war überhaupt kein Thema. Gibson hat einen gesunden Appetit und isst irgendwie alles. Darf er aber nicht. Aus gesundheitlichen Gründen müssen wir eine spezielle Ernährung einhalten. Da er sowieso zunehmen muss, nutzen wir seinen guten Essenswillen mit Gibson-konformer Nahrung massiv aus. Was natürlich Folgen hat: der Bube muss oft sein Geschäft erledigen. Gerne auch mal viel. Auch in unterschiedliche Farben und Formen. Da die Haufen zeigen, wie und was er verträgt, war das ein wichtiges Thema. Nach zirka zwei bis drei Wochen kam ich mir vor, wie ein Internist, der auf Ausscheidungsmöglichkeiten und deren Gründe spezialisiert ist. Der abendliche Jobtalk mutierte zum Wie-hat-unser-Hund-geschissen-Talk. Unglaublich wie viele unterschiedliche Adjektive wir fanden, um die Ausscheidungen unseres Hundes fast bildlich darzustellen. Für die von Euch, die jetzt auch Bilder im Kopf haben: Blumenwiese, Katzenbabys, rosa Elefanten.

Wieder gut jetzt? Fein. Dann weiter. Gibson durfte sich dann auch erst einmal von den Eltern unserer Patenkinder durchknuddeln lassen. Ebenso von unseren Patenkindern selber. Mal so: er liebt sie alle. Ganz besonders steht er auf unsere zwei Nachbarn im Haus. Unglaublich, wie schnell er so eine enge Bindung zu diesen zwei Menschen aufgebaut hat. Dauerte nur ein paar Minuten. Jetzt wird bei Sichtung alles gegeben. Vom Fiepen und Schwanzgewedel bis kurz vor dem Abheben ist alles dabei. Am Ende wird gekuschelt bis es kein Morgen mehr gibt. Mit allen Menschen in unserem Umfeld funktioniert es großartig. Zuhause, im Büro und im Auto. Gibson ist der bravste, beste, tollste, liebste, süßeste (ich hab noch ganz viele Begriffe in der Art) Hund den es gibt.

Einen Haken hat die ganze Sache! Natürlich. Muss ja. Sein momentaner Spitzname bei uns ist der Gibsonator. Eine Idee warum? Wie oben erwähnt: Daheim, im Büro, im Auto und auf unserem Grundstück ist er unglaublich toll. Sobald wir allerdings auch nur annähernd den Hof verlassen, mutiert dieses perfekte Wesen in einen Gibsonator. Alles ist interessant. Interessanter als seine Leinenhalter. Er gibt Gas. Volle Pulle. Er will alles entdecken, was es zu entdecken gibt. Ein Schmetterling. Ein Grashalm. Ein Baum. Ein Radfahrer. Ein vorbeifahrendes Auto. Völlig egal. Einfach alles. Sprüche wie „Wo geht denn der Hund mit Dir Gassi?“ oder „Wer geht hier mit wem Gassi?“ können wir schon nicht mehr hören. Auch diese mitleidsvollen Gesichtsausdrücke helfen uns nicht wirklich. „Der ist aber noch sehr jung und ungestüm!“ ist noch die angenehmste Bemerkung. In der Zwischenzeit erklären wir nicht mehr die Situation, sondern nicken nur noch. Wo nur zum Henker ist der Ein-und Ausschaltknopf von diesem Hund? Selbst ein Hubschrauber lässt ihn völlig abschalten. Dort steht er dann mitten in der Pampe zur Salzsäule erstarrt und stiert diesem Flugungetüm hinterher. Gerne auch mal ein paar Minuten. Völliges Innehalten. Dann zerrt er uns wieder durch die Gegend. Die in der Zwischenzeit erreichten 27,8 Kilo fühlen sich in die Leine gestemmt an wie ein LKW. Unsere Körper haben sich radikal verändert. Muskeln die ich noch nicht mal annähernd erahnt habe sind plötzlich da. Jahrelange Situps und Liegestützen haben nicht das gebracht, was ein Gibsonator in nur 3 Monaten geschafft hat.

Nur löst dieser Muskelaufbau nicht unser Problem. Das Internet hat eine Menge zu dem Thema Leinenführigkeit und Aufmerksamkeit zu bieten. Es gibt dort alles. Tipps ohne Ende. Anleitungen wie es besser laufen kann. Wie man den Hund auf sich fokussiert bekommt. Leider hat nichts geholfen. Also blieb nur Hundeschule. Dort hatten wir jetzt einige Stunden. Es wird besser. Aber ihr hättet mal das Gesicht der Hundetrainerin sehen sollen, als er letzte Woche wieder so einen Aussetzer hatte. Nichts funktioniert mehr in so einer Situation. Namen rufen. Leckerli. Trallala. Singen. Pfeifen. Wild gestikulieren. Wir machen uns dann so richtig zum Obst. Nichts hilft.

Sobald unsere Nerven dann mal wieder blank liegen, beten wir uns immer wieder vor „Das wird schon!“. Konsequente Erziehung, Strenge, Disziplin, viel Bewegung und jede Menge Liebe wird schon helfen. Nicht nur Gibson muss lernen, wir auch. Besonders wir. Und er ist ja auch erst 3 Monate bei uns. Er kann ja nichts dafür. Alles andere ist super, perfekt, ganz wunderbar. Er hat sich toll eingelebt. Keinerlei aggressives Verhalten. Null Gebelle. Lieb, aufmerksam und kuschelbedürftig. Gesundheitlich geht es auch bergauf. Was will man mehr. So reden wir uns dann die Welt schön und alles ist wieder gut.

Trotzdem ist es schon irre, was mitten im Spielen oder Training nur eine vorbeifliegende Libelle auslöst. Schwupp, ist er raus. Aber auch so völlig raus. Er ist dann in seiner eigenen Welt. In der Gibson-Welt. Dort verharrt er, ganz still und stumm. In meinem Hinterkopf schaltet sich dann immer dieses Kinderlied in leicht veränderter Form auf volle Lautstärke: Ein Gibson steht im Walde – ganz still und stumm. Und ich wünschte mir, ich könnte neben ihm stehen. Auch ganz still und stumm. Ohne Trallala, Singsang, Pfeifen, wild gestikulierend oder 100-mal Gibson rufend, nur um seine Aufmerksamkeit zu erhalten. Aber irgendwann, irgendwann werden wir den Schalter finden. Dann stehen wir alle im Wald, in der Gibsons-Welt, und haben vor lauter Purpur ein Mäntlein um.

©by Marita Matschiner

Die Dunkelheit der Wildnis (Teil 5 Binsen-Land)

Die Dunkelheit der Wildnis – pic by Achim Matschiner

Jetzt geht es ans Eingemachte. Und ich rede nicht von Himbeermarmelade oder Zwetschgenkompott. Die Rede ist vom wilden Campen. Hierzu habe ich eine sehr romantische und weichgezeichnete Vorstellung. Ruhe. Stressfrei. Wenig oder keine Menschen. Natur. Wind. Sternenhimmel. Wenn Bären, dann nur die Him-, Blau- und Erdbeeren. Eine wirkliche Herausforderung sehe ich bei der Planung: alle notwendigen Dinge dabei und eingepackt zu haben. Denn mal eben zum Kiosk an der Ecke gehen, um die vergessene Zahnbürste zu kaufen, ist in diesem Falle etwas schwierig – mitten im Nirwana. Improvisieren kann man ja immer irgendwie. Aber aus Ästen, Blättern und einem Kaugummipapier eine Zahnbürste basteln? Muss ja nicht sein. Wir heißen ja auch nicht Mac Gyver. Daher besser alles vorab geplant und eingepackt.

Morgen ist Feiertag und das Wetter ist perfekt für unseren ersten Wildcamping-Ausflug. Am späten Nachmittag brechen wir auf. Der Weg führt erst einmal über eine Bundesstraße, dann Autobahn. Nach gefühlten 30 Minuten sind wir auf einem einsamen und holperigen Kiesweg gelandet. Jetzt schon weit ab vom Schuss. Vorbei an einsamen, halb verkommenen Bauernhöfen und ausgestorbene Gasthöfen. Durch einen Wald, über Holzbalken mitten hinein in die Einsamkeit. Links von unserem Kiesweg geht es steil Bergab, rechts geht es steil Bergauf. Ich sitze kerzengerade auf meinem Beifahrersitz. Jeder Muskel steht unter Spannung. Meine Nägel verewigen sich völlig unkontrolliert in die Handinnenflächen. „Lieber Herrgott. Bitteee, lass uns kein Auto entgegenkommen!!!“ Jetzt geht es auch noch steil bergab. Oh man, ich komme mir vor wie in einer Achterbahn. Um die Kurve rum und da jauchzt mein Mann neben mir: „Da ist es! Wir sind da! Schau wie schön. Und wir sind ganz alleine.“

So viel Wildnis. Soviel Bäume. Direkt an der schönen Ammer. Dieser Platz ist garantiert für jeden Kanuten ein Traum. Vor uns eine Brücke, die zum stillgelegten Wasserkraftwerk Kammerl führt und die für morgen geplante Wanderung der Startpunkt ist. Die Ammer wird hier rechts mit Wald gesäumt und auf der anderen Seite mit großen Steinen. Hier bleiben wir. Ganz klar.

Stühle und Tisch sind aufgestellt. Markise ausgerollt. Boah, wie schön. Kein Handyempfang. Keine Störungen. Die Natur spielt ein Lied für uns. Bäume quietschen und bewegen sich im Wind. Vögel zwitschern. Grillen zirpen. Da fährt ein WOMO mit zwei Kanus auf dem Dach auf uns zu. Ein junges Pärchen steigt aus. Begutachtet den Wasserstand. Steigen wieder in Ihr Womo ein. Sie fängt an zu kochen, während er Zeitung liest. Danach schließen sie von innen die Tür und schalten das Licht aus. Kurz darauf kommt ein VW Bus um die Ecke. Eine Familie mit zwei Kindern. Schauen sich auch den Wasserstand und die Gegend an. Gehen zum Bus, parken um, essen ein paar belegte Stullen und gehen schlafen. Da sitzen wir wieder in der Einsamkeit. In der totalen Stille mitten im Sonnenuntergang und fühlen uns schon wieder wie Hippies! Nach dem Sonnenuntergang folgt Dunkelheit. Und ich meine Dunkelheit. Kein Licht. Keine Straßenlaternen. Keine Ortsbeleuchtung. Einfach nur pure Schwärze und der Sternenhimmel über uns.

Auch Hippies müssen irgendwann schlafen. Daher ist jetzt Sleepiezeit. Man sieht ja eh nix mehr. Mein Mann entscheidet sich, auf der Liege unter freiem Himmel zu nächtigen. Schlafsack ausgerollt und gut ist. Henry und ich schlüpfen in unser Hochbettchen im Bus. Ich genieße noch ein paar Seiten auf meinem Kindl. Immerhin habe ich ihn mir speziell für diese Ausflüge gekauft. Denn mit Stirnlampe zu lesen ist unbequem und lockt unnötig Mücken an. Darum habe ich mich zu dieser elektronischen Lösung durchgerungen (eigentlich bevorzuge ich Papier), um mich in den Schlaf zu lesen. Ist super. Klappt nämlich. Zumindest für zirka eine Stunde. Dann schrecke ich hoch und muss dringend der Natur ihren Lauf lassen. Pippilotta haben wir mit dabei. Aber mitten in der Nacht aufbauen? Ach, da geht doch auch das Waldstück. Schnell nach der parat hängende Stirnlampe greifen und leise die Tür öffnen. Damit der Hund, mein Mann und auch die zeitweiligen Nachbarn nicht wach werden. Soll ja keiner sehen wie ich in Shorts, T-Shirt, Uggs (völlig unterschätzte Campingschuhe) und mit schräg sitzender Stirnlampe auf den zerzausten Haaren in den Wald husche. Aber erst die Stirnlampe anschalten. In dieser unbekannten, dunklen Welt macht es durchaus Sinn ein bisschen was zu sehen. Ich will ja nicht in den Bach stürzen oder gar gegen den nächsten Baum laufen. Hoffentlich sieht auch keiner das Licht. Kaum hab ich diesen Gedanken gedacht, schon geht mein Kopfkino los: Wie sich Vorhänge im WOMO zur Seite schieben, das junge Pärchen mich amüsiert beobachtet. Es gibt nicht so viele natürliche Dinge, die mir wirklich peinlich sind. Aber das irgendwie schon. Warum eigentlich? Ach, die Blase drückt. Kopfkino, aus! Ende! Ich stolpere ein paar Schritte weiter. Bin ich da gerade auf eine Schleimschnecke getreten? Oder war das eine Schlange? Schnell die Stirnlampe auf dem Kopf einschalten. Shitt. Den Knopf habe ich gefunden. Aber bewegen tut er sich nicht! Mann, echt jetzt! Nochmal runter vom Kopf. Konzentriert reiße ich die Augen auf, um in der verdammten Dunkelheit zu sehen, in welche Richtung ich diesen scheiß Knopf bewegen muss! Ah, jetzt bewegt er sich. SCHEISSE! Au! Das tut weh! Der Schmerz bohrt sich wie glühende Nadeln durch die Augen, direkt in meinen Hinterkopf! Die Lampe ist endlich an. Ich Depp habe den Lichtstrahl direkt in die Augen gehalten. Hilfe! Ich bin blind! Jetzt kann ich gar nichts mehr sehen. Ich setzte die Stirnlampe auf und husche schnell in die Richtung, wo der Weg in den Wald gehen müsste. Ich blinzle die Flecken weck, die sich nun langsam ins Sichtfeld schieben. Schnell hinter das Gebüsch und gut ists. Wieder zurück. Die Schuhe lasse ich vorsichtshalber vor dem Bus stehen. Wer weiß in was ich da getreten bin. Bloß nicht drüber nachdenken! Sonst finde ich gar keinen Schlaf mehr. Rosa Elefant. Blumenwiese. Ha, erfolgreich abgelenkt. Zufrieden huschle ich mich wieder zurück ins Bett. Zurück zu meinem Hund.

Nächster Morgen. Kaffee. Unsere Nachbarn schlafen alle noch. Komisch. Die sind gegen 21:00 Uhr alle ins Bett gegangen und schlafen um 7:30 immer noch? Ich dachte immer, der frühe Vogel fängt den Wurm. Gilt wohl nicht für junge Pärchen, die Kanu fahren wollen. Wir machen Katzenwäsche am Fluss, putzen die Zähne. Ziehen die Wanderschuhe an und los geht’s. Auf zu den Schleierfällen. Wir erreichen sie innerhalb kürzester Zeit. Schön sind sie und toll. Beeindruckend, was die Natur von alleine, ohne fremde Hilfe, für Schönheiten erschaffen kann. Irre. Und wir Menschen schaffen es ausnahmsweise auch tatsächlich, diese Schönheit zu erhalten und nicht zu zerstören. Gut so. Weitermachen.

Auf dem Rückweg kommen uns alle 5 Minuten neue Wanderer entgegen. Wo kommen die denn alle her? Zurück am Bus stellt sich uns noch eine weitere Frage: Wann und wie sind die ganzen Busse, Womos und Kangoos hier angekommen? Es müssen um die 30 Autos sein. Alles pilgert entweder mit Rucksack Richtung Wanderweg oder mit Kanu Richtung Wasser. Mein lieber Herr Gesangsverein. Da wird dann auch kräftig was los sein heute.

Während alle anderen jetzt um den besten Platz im Wasser, am Wasserfall oder im Stau kämpfen, gehen wir erst einmal gemütlich Mittagessen. Bis die alle an ihrem Ziel angekommen sind, sind wir schon wieder daheim. So mag ich das. So habe ich mir das vorgestellt, das wilde Campen zu wilden Zeiten. Und hierfür ist Eda auch vorgesehen. Das wird nun einer ihrer Aufgaben sein. Uns sicher und heile an einen ruhigen Platz bringen. Uns in der Nacht Schutz bieten und dann wieder sicher und heile nach Hause bringen. Danke Eda! Du hast mir wieder einmal erfolgreich geholfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu entdecken. Und apropos Augen: bei nächsten Trip werde ich vorsichtshalber eine Sonnenbrille neben die Stirnlampe hängen. Sicher ist sicher.

© by Marita Matschiner

    

Vorfreude ist die schönste Freude – wenn da nur nicht diese beschissene Warterei wäre

Gibson makes the World go round – pic by Achim Matschiner

Wir bekommen spät Abends von einer Freundin ein Foto von einem Hund zugeschickt. Er sucht dringend ein neues Zuhause. Momentan ist er in Montenegro und hat kein gutes Leben. Und leider auch keine tolle Zeit hinter sich. Er muss dringend aus diesem kleinen und dreckigen Zwinger raus. Ob wir nicht jemanden mit einem sportlichen und aktiven Leben kennen, der sich einen braven, verspielten und liebevollen Hund als Familienmitglied vorstellen könnte. Mmmhhhh? Das hat sie ja mal genau richtig eingetütet: ein schlimmes Foto mit einer herzzerreißenden Geschichte. Seine Augen so vertrauensvoll. Mit viel Gefühl, aber trotzdem unheimlich traurig. Armes Kerlchen. Für uns steht fest: den müssen wir kennen lernen! Im Fernsehen läuft gerade „Braveheart“. Ein im Gesicht blau angemalter Mel Gibson wedelt wild mit einem Schwert und brüllte aus Leibeskräften. Und schon hat der Hund intern bei uns einen neuen Namen: „Gibson“. Erste Bindungsphase abgeschlossen. Eine unterbewusste Vorfreude wabert langsam durch unsere Gedanken.

Nach einige Diskussionen und etlichen Gesprächen haben wir uns entschieden: Gibson wollen wir nicht nur kennenlernen – er soll bei uns ein neues Nest finden. Ein neues Zuhause. Mit viel Liebe und Aufmerksamkeit. Dinge erleben, die Welt entdecken und jede Menge Bewegung und Sport haben. Spiel, Spaß und Spannung quasi inklusive. Ein Gibson-Überraschungsei!

Vier Wochen müssen wir warten bis wir endlich einen Liefertermin haben. Hört sich krass an, oder? Ein Liefertermin für einen Hund. Nicht für ein Bett, einen Schrank oder eine Mülltonne. Nein. Für einen Hund. Umgehend haben wir den geplanten Urlaub mit Freunden abgesagt. Das Familienfest in Niedersachsen auch gleich. Wir wissen, wir haben mit der Absage einige Familienmitglieder und Freunde enttäuscht. An dieser Stelle ein ganz, ganz großes und herzliches DANKE. Danke, dass ihr alle, jeder in seinem Maße, Verständnis für unsere Situation hattet und habt. Es kommt für uns ein neues Familienmitglied. Wollen wir dann umgehend mit ihm auf Reisen gehen? Stundenlange Autofahrten? Fremde Umgebungen? Viele unbekannte Menschen? Nein! Das kommt für uns nicht in Frage. Er soll erst einmal ankommen. Uns und seine neue Umgebung kennenlernen. Nicht mehr hin- und hergeschubst werden. Sich endlich mal willkommen fühlen und Geborgenheit kennen lernen.

An unserem ersten Urlaubstag können wir ihn bei einer Privatfamilie im Laufe des Tages abholen. Ich nutze den Vorabend und zeige mich als verantwortungsbewusste Hunde-Mama: shoppen für den Hund. Das neue Körbchen steht seit Wochen parat. Leine, Halsband und Handtücher liegen schon ewig an ihrem Platz. Ebenso neue Näpfe. Wir, äh sorry, Gibson braucht nur noch ein bisschen Spielzeug und ein Kuscheltier. Pssst! Ich will jetzt nichts hören von wegen „Ist ein Hund!“ oder „Immer diese Vermenschlichung!“. So bin ich. So ist mein Mann. Gibson soll sich wohl bei uns fühlen. Wir wollen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und immerhin, ein Kuscheltier schadet niemandem. Auch einem Hund nicht. Während ich so im Hundeparadies stöbere ereilt mich ein Anruf. Die Fahrer des Gibson-Transport sind früher los und kommen daher schon heute statt morgen an. So gegen 22:00 Uhr. Umso besser. Kriegen wir hin. Die Vorfreude steigt. Jetzt erst einmal weitershoppen – alles gut. Das erstandene Spielzeug (Ball, Frisbee und Knotenseil) wird daheim erst einmal voller Stolz präsentiert. Gegen 20:00 Uhr kommt wieder ein Anruf. Die Fahrer stehen im Stau und sind erst gegen 0:00 Uhr am Übergabeort. Doof, aber hey, was solls. Passt schon. Dann kommen wir eben gegen 0:00 Uhr. Kaffee und Red Bull werden das schon hinbekommen. Unsere Nervosität und Aufregung übernehmen den Rest.

Um 23:00 Uhr ziehen wir Schuhe und Jacke an. Da schrillt das Handy. Die Fahrer stehen wieder im Stau. Wird wohl erst 3:00 Uhr morgens. Mmmhhh. Kann man nichts machen. Stehen wir auch noch durch. Eh schon egal.
Um 2:00 Uhr noch ein kurzer Check vor der einstündigen Fahrt: Leckerlies, Wasser, Napf, Halsband und Leine. Für den Notfall auch schon die erste Kacktüte. Vorsichtshalber noch eine zweite. Alles am Start. Wir düsen los. Das erste Drittel haben wir hinter uns, als das Telefon erneut klingelt. Leicht verschlafen erzählt uns eine weibliche Stimme, dass es leider doch noch etwas länger dauert. Aber 5:00 Uhr sollte klappen. Wo ist die versteckte Kamera? Hier veräppelt uns doch einer! Muss das sein? Scheint wohl so. Ändern können wir es ja eh nicht. Da müssen wir jetzt durch. Und Gibson leider auch.

Da fahren wir nun. Mitten in der Nacht. Zu weit weg von daheim, um noch einmal umzudrehen. Zu früh dran, um bei der Übergabestelle die Straße hoch und runter zu laufen. Unser Adrenalinspiegel steht auf super-duper-Level und wir sind hellwach. Wir wollen doch nur diesen Hund. Unseren Gibson endlich in die Arme nehmen! In der Nähe vom Zielort gibt es einen Autohof an der Autobahn. Den peilen wir an. Dort angekommen sind wir die einzigen, außer dem Tankwart, die die Zeit in Benzindämpfen unterm Sternenhimmel totschlagen. Kalt ist es auch noch. Der große Zeiger bewegt sich irgendwie zu langsam. Geht die Uhr überhaupt? Nach gefühlten endlosen Stunden ist es 4:45 Uhr. Ein Anruf. Gibson ist da. Wir können los. Das lang ersehnte Treffen ist greifbar. Quasi gleich um die Ecke. Nur noch ein paar Minuten. Red Bull hätten wir uns schenken können. Wir sind so schon aufgeregt genug und total nervös. Gleich. Gleich ist es soweit. Wir schwelgen in romantischen Vorstellungen. Seit Wochen. Aber jetzt ist es endlich soweit. Phantasie wird Realität. Gleich. Gleich. Gleich.

Wir treffen auf die Sekunde pünktlich ein. Die Eingangstür öffnet sich. Ein ziemlich übernächtigter Mann mit strubbeligen Haaren steht in der Tür. „Gibson ist in der Küche.“ Wir schleichen langsam, erwartungsvoll und Schritt für Schritt näher. Gehen behutsam in die Hocke, um ihn beim ersten Kontakt nicht zu verschrecken. Wollen ihn angemessen begrüßen. Er steuert auf uns zu und läuft an uns vorbei. Wie jetzt? Lässt unser Karma uns im Stich? Ein anderer Hund kommt um die Ecke gerannt und steuert direkt auf uns zu. Gibt Küsschen, hüpft auf meinen Schoss, schmust. Aber Gibson interessiert sich nicht die Bohne für uns. Ich zücke meine selbstgebackenen Bestechungskekse. Leckerlies aus Quark und Babybrei (Karotte und Kartoffel). Die Hunde um uns rum lieben die leicht unförmigen Kekse und klauen mir einen nach dem anderen aus der Hand. Gibson kommt zurück. Bleibt stehen, schnuppert. Schwupp, weck ist das Leckerlie. Er stapft weiter und vergrößert die Strecke wieder zwischen uns. Mhhh… was jetzt? Mag er mich nicht? Mein erwartungsvolles Lächeln weicht einem leicht verbissenen Merkel-Ausdruck. Ein bisschen Enttäuschung gepaart mit Panik kämpfen sich Millimeter weise durch meine freudige Erwartung. Ich versuche sie wieder zurückzudrängen. Mein Mann geht zu ihm. Setzt sich zu ihm auf den Boden, redet ruhig auf ihn ein. Stülpt ihm sein neues Halsband über. Gibson wehrt sich nicht. Bleibt bei ihm. Jetzt wollen wir kurzen Prozess machen und eigentlich nur noch nach Hause. Ihn vor vollendete Tatsachen stellen. Also auf zu unserem Bus. Er hüpft sofort und freudig hinein. Ich setze mich zu ihm. Gibson hüpft von Bank zu Bank. Runter auf den Boden und wieder zurück. Wie ein 25 kg schwerer Flummi. Ich kann ihn kaum halten, geschweige denn zur Ruhe bringen. Nach geschätzten 20 Minuten wird er dann doch ruhiger. Ich befürchte eher aus Erschöpfung und nicht aus Entspanntheit. „Wird schon irgendwie“ bete ich in mich hinein.

Zuhause angekommen trinkt er Unmengen an Wasser. Erledigt sein Geschäft und verschlingt seine erste „bayrische“ Mahlzeit. Nach längerem Geschnupper fällt er zufrieden auf seinem Schaffell in einen tiefen Schlaf. Im Hintergrund der Sonnenaufgang.

Ich fühle mich wie ein ausgelutschter Kaugummi. Völlig übernächtigt. Total erledigt. Fix und fertig. Doch da ist sie! Die romantische Vorstellung, die zur Realität wird. Ich kann sie fühlen, greifen und überhaupt. Ich bin glücklich. Wir sind glücklich. Überglücklich. Der Himmel über uns müsste vor rosa Einhorn-Glitzer erstrahlen. Wir lehnen uns seelig lächelnd zurück. Stoßen mit unseren Kaffeebechern an: „Auf Gibson und unser gemeinsames Leben!“. Was für ein tolles Gefühl. Welche Zufriedenheit so eine Seele in ein Leben zaubern kann. Welche Glückseligkeit durch uns hindurch strömt. Und dieses Leben fängt jetzt erst an. Immer wieder würde ich alles genau so machen. In die Vorfreude völlig eintauchen, genießen und auskosten. Bis zum Letzten aufsaugen. Das beste Gefühl der Welt. Wenn nur diese scheiß Warterei vorab nicht wäre.

© by Marita Matschiner 

Einfach mal die Fresse halten!

Und bist du nicht willig, so erhebe ich meine Stimme – pic by Achim Matschiner

Es gibt Tage, da habe ich es nicht unbedingt mit Reden. Da halte ich mich mit dem Sprechen zurück. Die angeblichen 20.000 Wörter, die mir als Frau durchschnittlich pro Tag zur Verfügung stehen (im Vergleich: 7.000 Wörter für den Mann), erfülle ich dann noch nicht einmal annähernd. Da habe ich dann ein Guthaben aufgebaut, welches ich später ausgiebig nutzen kann. An solchen Tagen halte ich mich kurz und knapp. Es sind nur kurze Begriffe, die dann aus meinem Mund purzeln. Worte wie „ja“, „nein“, „weiß nicht“. Kannste machen nix. Ist halt so.

Schwierig wird es, wenn diese Phase mit meiner Erziehung kollidiert. Meine Eltern haben mir beigebracht auf Fragen zu antworten und Interesse an der Person gegenüber zu zeigen. Brav „Danke“ und „Bitte“ sagen, wenn es angemessen ist. Nur wenn mir so gar nicht nach sprechen zumute ist, wird das äußerst schwierig. Auf meiner rechten Schulter sitzt dann ein kleines Engelchen und diskutiert mit dem Teufelchen auf meiner linken Schulter. Der Engel erinnert mich an Regeln und Anstand. Der Teufel kontert erst einmal mit einem „Wenn du dich nicht um dich kümmerst, wer sollte es dann tun?“. Und so geht es hin und her und meistens gewinnt das Engelchen mit eindeutigem Vorsprung. Ich zeige Anstand, Benehmen und lächle sogar dabei.

Andere Menschen schaffen es ohne Probleme, die Erziehung, den Knigge, die Rücksichtsname und einen politisch korrekten Umgang völlig zu ignorieren. Aber auch so völlig. Gleich hoch zwei. Ich stelle mir regelmäßig die Frage, wie die das so hinbekommen. Ist die Welt wirklich so egoistisch? Oder ist meine Erziehung veraltet? Sind meine Überzeugungen aus dem Jahre anno Schnee? Ist Anstand und Benehmen einfach völlig überbewertet?

Auf ein „Bitte“ folgt ein „Danke“. Das „Bitte“ kann auch ein Türaufhalten sein. Ein Mitbringsel. Wenn jemand einem etwas Gutes tut, bedankt man sich. Das ist einfach so. Das gehört sich so! Und ich hoffe, das wird auch immer so sein. Egal ob wir 1780 haben oder 2099! Es ist manchmal etwas schade, wie selten diese kleinen und doch so wertvollen Worte und Gesten genutzt werden.

Mein absolutes Highlight in der zwischenmenschlichen Kommunikation ist das Ausreden lassen. Es gibt kaum noch Gespräche in denen man einfach nur seinen Satz zu Ende bringen darf. Man wird mittendrinn, ohne Ankündigung, einfach unterbrochen. Ich bin davon überzeugt, dass es hierfür unterschiedliche Gründe gibt. Zum Beispiel ist etwas anderes gerade wichtiger und dringender. Oder man will den anderen übertrumpfen und plappert ihn einfach nieder. Bei manchen ist es pure Langeweile. Vielleicht interessiert es das Gegenüber gerade nicht, was der Andere zu sagen hat oder welche Meinung er vertritt. Einige hören sich auch gerne selbst reden und finden die Klangfarbe der eigenen Stimme so wunderschön. Und den Inhalt erst! Was jeden von uns auch immer dazu bewegt, es wird leider zu einem Standard. Ist das nicht erschreckend? Mich erschreckt es! Ich sehe und höre es überall. Unterschiedliche Altersstufen sind davon betroffen: Kinder, Teenies, Erwachsene, Rentner. Sprach- und Umgebungsunabhängig. Selbst wie man zueinandersteht, ist völlig wurscht. Privat, Geschäftlich, Familie, Freunde, beim Metzger, im Restaurant mit dem Kellner, beim Friseur. Völlig egal! Es wird unterbrochen, wo es nur geht.

Ich werde mir jetzt ein Quietschentchen anschaffen. Und immer wenn ich unterbrochen werde, quietsche ich laut damit. Sobald ich dann die Aufmerksamkeit habe, werde ich nach dem Beweggrund fragen. Woran liegt diese Respektlosigkeit im Umgang mit andere Menschen? Mich interessiert das wirklich. Und ich werde versuchen, meinen Gegenüber bei seiner hoffentlich ehrlichen Erklärung nicht zu unterbrechen. Ansonsten darf er mir das Entchen aus der Hand reißen und mir in die Öhrchen quietschen.

© by Marita Matschiner

 

Cheers! Business on the Rocks!

pic by Achim Matschiner

Als Kind saß ich ganz gefesselt vor dem Fernseher. Nicht der Fernseher an sich hatte diese Anziehungskraft. Ich war zutiefst beeindruckt von der Darstellung des Lebens in der Film- & Serienwelt. Besonders faszinierend fand ich die dargestellten Familien-Feierabend-Abläufe. War das das wahre Leben? Glauben konnte ich das nicht so wirklich. Gerade was in der amerikanischen Seifenoper Dallas gezeigt wurde, war so weit weg von dem, was bei uns daheim ablief. Ich fragte mich immer, ob es so sein wird, wenn ich mal erwachsen bin und selber im Berufsleben stehe.

Nach einem langen harten Arbeitstag auf dem Rücken eines Pferdes, nach Stunden in der prallen Sonne auf der Koppel, kam Bobby Ewing frisch und entspannt nach Hause. Das Hemd sah aus, wie frisch von Klementine aus der Ariel-Werbung „Nicht nur sauber sondern rein!“ gewaschen und gebügelt (Werbeikone aus den 70gern und 80gern). Die Jeans war fleckenfrei und frisch gestärkt. Mit entspannten Schritten ging Bobby in den Salon. Goss sich einen Bourbon in das mit Eis gefüllte Kristallglas ein. Ein lockeres Gespräch mit den anwesenden Familienmitgliedern entstand, während Sue Ellen Ewing, die Schwägerin von Bobby, mit frisch geschminkten Lippen und perfekt sitzender Wallewalle-Mähne den Raum betrat. Miss Ellie (die Mama von Bobby) kommt lächelnd hinzu. Begrüßt die anwesenden Familienmitglieder herzlich und voller Stolz. Alle Anwesenden strahlen. Voller Vorfreude endlich im Kreise der Familie zu essen und angenehme Konversation zu pflegen.

Bei mir sieht das irgendwie ganz anders aus. Nach meinem Arbeitstag komme ich völlig zerknittert und ausgepowert nach Hause gekrochen. Das Makeup hat sich fast verflüchtigt. Und das, was noch vorhanden ist, sitzt nicht mehr da wo es sein sollte. Die Haare sind platt und eng am Kopf anliegend. Immerhin: in Woodstock wäre ich ein Superstar gewesen – mit hängendem und strähnigem Haar. Von Volumen und Glanz keine Spur. Als erstes raus aus den zerknitterten Arbeitsklamotten und hinein in die bequeme Schlabberhose. Dazu ein zu großes Shirt und bei Bedarf einen Hoody drüber. Um den Wohlfühlstatus zu erhöhen, kriegen meine Füßchen noch schnell ein paar Kuschelsocken übergestreift. Nach der Abschminknummer geht es dann bequem und gemütlich in den Feierabend.

Es folgt unser Ritual: Job-Talk. Jeder erzählt von seinem Tag im Büro. Früher hat das Stunden gedauert. Emotionen kochten hoch. Alle Dinge, die einen am Tag genervt, gestresst oder belastet haben, durften nun endlich raus. Ohne Rücksicht auf Diplomatie oder angemessener Wortwahl. Am Ende kamen die positiven Erlebnisse aber etwas zu kurz. Was nicht daran lag, dass zu wenig hiervon im Arbeitsalltag zu finden waren. Nur hat der Mensch den Hang dazu, seine Aufmerksamkeit eher auf die unschönen Dinge im Leben zu richten. Die Nachrichten zum Beispiel berichten zu 99,9% von Chaos, Drama, Leid. Wir fahren langsamer an Unfallstellen und Polizeikontrollen vorbei, um möglichst viel Schreckliches zu sehen und mitzubekommen. Am liebsten jammern wir über das Wetter. Gerne auch täglich. Warum richten wir unser Augenmerk nicht lieber auf die positiven Dinge? Davon gibt es eine Menge. Und diese Dinge machen viel mehr Spaß. Sie sind lustig, herzerwärmend und beruhigend. Sie machen das Leben lebenswert.

Auch bei uns bekamen die positiven Geschichten zu wenig Aufmerksamkeit. Dafür wiederholten sich die Schlechten immer und immer wieder. Nach einiger Zeit kamen wir an den Punkt, in dem mein Mann und ich die Storys des anderen in- und auswendig kannten. Bei gewissen Schlüsselworten oder Namen reagierte das Gegenüber fast schon genervt und gereizt. Wir wussten ja, worauf es hinauslief. Damit nahmen gleich zwei Personen Anlauf und hüpften mit einem Kopfsprung direkt in eine negative Gefühlswelt. Der Jobstress ging jetzt auch noch zu Hause weiter! Wir kamen einfach nicht im wohlverdienten und ruhigen Feierabend an.

So konnte das nicht weitergehen! Entweder mussten wir unseren Job-Talk ändern oder ihn abschaffen. Aber die Personen, das Umfeld und die Aufgabe, die die meisten Stunden meines Arbeitstages füllen, kann ich nicht einfach streichen. Will ich auch gar nicht! Siehe http://roaring40s.eu/machts-gut. Daher blieb nur: den Job-Talk radikal verändern. Was wir auch taten. Wir führten Regeln ein.

Jeder von uns darf über eine negative Sache vom Tag erzählen. Eine Situation, die ihn ganz besonders ärgert oder einfach nicht gut läuft. Das wird dann diskutiert oder einfach kommentarlos stehengelassen. Darauf folgt dann aber der schönste, lustigste, zufriedenstellendste Moment. Denn das Beste kommt zum Schluss! Wir haben dadurch gleich mehrere Win-Situationen geschaffen.

Win 1: Man denkt noch einmal über den Tag und die Geschehnisse nach. Man beschäftigt sich noch einmal mit den einzelnen Themen und wertet diese ganz neu. Ganz anders. Welche Story ist es wert erzählt zu werden? Überraschend wie schnell die Luft aus der einen oder anderen Geschichte plötzlich raus ist.
Win 2: Man beendet den Tag mit einer schönen Erinnerung. Was eindeutig eine positive Assoziation mit dem Berufsleben, den Berufsalltag, den Kollegen und der prinzipiellen Einstellung zum Job fördert. Zusätzlich hilft es dabei den Arbeitstag entspannt enden zu lassen.
Win 3: Der Partner fühlt sich integriert. Man lässt ihn teilhaben. Im Groben weiß er Bescheid, was da so im ganz normalen Wahnsinn passiert. Er ist mittendrinn und live dabei.

Wir machen wir das jeden Abend. Für uns ist es eine wichtige und wertvolle Zeit. Sie tut uns gut. Wir gehen mit einem guten Gefühl aus dem Tag. Ich glaube, Bobby, Sue Ellen und alle anderen Ewings würden jetzt auch fasziniert vor dem Fernseher sitzen, wenn sie uns da so sehen könnten. Bei unserer Art von ehrlichem Job-Talk. Von unserem wahren Leben. Und sie hätten bestimmt auch ein Glas Bourbon mit Eiswürfeln in der Hand und würden sich fragen, ob das das wahre Leben ist.

© by Marita Matschiner

Ich und meine Listen

Listen sind toll. Ich liebe Auflistungen. Alle Arten davon. Für mich ist es eine Gedächtnisstütze und vereinfacht mein Leben. Mein Mann hasst sie. Nicht prinzipiell Listen oder die Gedächtnisstütze. Sondern eher meine Aufzählungen, zu denen ich äußerst gerne tendiere und das auch bei jeder Möglichkeit tue. Privat sowie geschäftlich. Diskussionen starte ich gerne mal mit Pros und Kontras. Und diese finden bei mir gerne als Auflistungen statt. Ohne Punkt und Komma. Manchmal treibe ich ihn damit in den Wahnsinn. Spagetti Bolognese? Toskaner Filettopf? Gemüse mit Nudeln? Fisch? Und wenn Fisch, dann Lachs? Thunfisch? Oder was anderes? Er dreht dann gerne mal kurz durch und versucht mich mit einem kurzen Satz zur Ruhe zu bringen. Was dann auch funktioniert. Aber den Zaubersatz verrate ich hier nicht.

Ich habe das von meiner Mama gelernt. Und im Hauswirtschaftsunterricht. Gehe niemals hungrig einkaufen und habe stets eine Einkaufsliste am Start. Man kauft sonst nur unnötige Dinge. Und ja, sie hat natürlich recht. Mamas haben immer recht. Genauso wie Ehefrauen. Das nur mal am Rande. Ich versuche mich daran zu halten. Nicht nur, dass ich in meiner Ehe immer recht habe – was mir natürlich nicht schwerfällt. Auch was den gefüllten Magen und eine geschriebene Einkaufsliste betrifft. Das schont den Geldbeutel und reduziert natürlich auch die Menge an abgelaufenen und zu entsorgenden Lebensmitteln. Wir versuchen immer sehr umsichtig einzukaufen. Erst dann, wenn wir es wirklich benötigen. Und erst wenn wir wissen, was wir essen wollen und was dafür benötigt wird. So reduzieren wir die Fülle des Kühlschranks, was übrigens regelmäßig zu großen Verwirrungen bei Mama und Schwiegermama führt. Denn unser Kühlschrank ist unter der Woche ziemlich leer. Was aber immer da ist sind Butter, Marmelade, Käse, Ketchup, Senf, Mayo und meine Lieblings-Chillisauce. Ups, und schon ist es wieder passiert. M/eine Liste.

Die große Herausforderung ist der monatliche Drogerieeinkauf. Da kann schnell einmal der WC-Reiniger oder das Zewa vergessen werden. Hier kommt dann Mamas Empfehlung zum Einsatz: Die Einkaufsliste. Dort sammle ich über einen vierwöchigen Zeitraum alles, was gekauft werden muss. Mein Mann glaubt übrigens, dass er ohne solche Listen auskommt. Und vergisst dann natürlich die Hälfte. Im Zeitalter der Elektronik habe ich mir irgendwann angewöhnt, die Einkaufs- und Erinnerungslisten nicht mehr auf Papier zu erstellen, sondern in mein Handy einzutippen. Das Papier geht eh irgendwann verloren oder man hat den Zettel nicht dabei. Er schlummert dann im Auto oder zuhause auf dem Küchentresen. Und da ich Einkaufen hasse, versuche ich diese Verpflichtung möglichst effizient und zeitschonend zu gestalten. Die modernen Handys haben da eine super Funktion. Die Notiz-App. Diese eignet sich sensationell für meine Zwecke. Einfach zu bedienen und der benötigte Eintrag ist schnell zu finden. Das Telefon ist sowieso dabei. So habe ich immer und überall die Chance die Liste zu leeren oder weiter zu füllen. Und vergesse absolut nichts. Im Gegensatz zu meinem Mann.

Dann im Einkaufsladen. Ich zücke voller Tatendrang mein Handy. Rufe die Notiz-App auf und überfliege kurz die notierten Artikel. Halte abrupt bei einem mir völlig unverständlichen Wort inne. Der nächste Artikel sagt mir auch überhaupt gar nichts. Irgendwie stehen da Worte, die ich garantiert nicht geschrieben habe. Ich überlege, wann eines unserer Patenkinder das letzte Mal mein mobile Gerät in den Händen hatte. Die automatische Autokorrektur ist doch ausgeschaltet, oder? Liegt es an meinen Fingern oder hat mein Handy ein Eigenleben entwickelt? Ziemlich hilflos stehe ich im Laden. Um mich rum nur Gewusel. Hecktische und gestresste Menschen. Ich will doch nur meine Aufgabe erfüllen und die Einkaufsliste abarbeiten! Schnell alles hinter mich bringen und dann raus hier! Ich starre auf die dort stehenden Worte. Mist! Was genau habe ich noch mal mit „Pitzmuttel“ gemeint? Und was zum Henker ist „Toptapier“? Auch mit „Tarierachaun“ und „Üarkettreinuger“ kann ich auf den ersten Blick so gar nichts anfangen. Gedanklich sortiere ich die einzelnen Buchstaben neu. Tausche ein paar Vokale und Konsonanten mit Hilfe der virtuellen Tastatur aus. Tarahhh. Das Rätsel ist gelöst. „Putzmittel“, „Toipapier“ (gemeint Toilettenpapier) „Rasierschaum“ und „Parkettreiniger“ ist die Lösung. Kein Patenkind ist daran schuld. Kein verselbstständigtes Handy. Ich war einfach zu schnell beim Tippen und habe wohl beim Schreiben nicht richtig hingeschaut. Voll konzentriert streife ich nun durch das Regallabyrinth. Mit dem Blick auf dem Handy. Meine Gedanken sind nur darauf ausgerichtet, meiner Gedächtnisstütze etwas Sinnvolles zu entlocken. Ein nahendens Ziel vor Augen: wirklich alles Notwendige im Einkaufswagen zu haben und nicht noch einmal los zu müssen.

Mit einem prall gefüllten Einkaufswagen an der Kasse angekommen kommt mir eine Idee. Daheim werde ich erst einmal eine neue Einkaufsliste erstellen. Die ersten zwei Artikel: Block und Stift. Um mein Leben wieder zu vereinfachen.

 

© by Marita Matschiner

 

Macht’s gut, und danke für den Fisch

Jeder von uns geht anders mit seinen Erlebnissen, Enttäuschungen, Frustrationen und Erfolgen um. Besonders wenn es um geschäftliche Themen geht. Die dort entstehenden Bande zwischen Kollegen, Vorgesetzten und manchmal auch Kunden sind sehr prägend und beeinflussen unsere Stimmung. Sie entscheiden oft über unsere Einstellung, wie wir morgens zur Arbeit gehen. Ob frohlockend, träge oder völlig missmutig. Für mich sind die Kollegen ein ganz wichtiger Punkt in meinem Job. Nicht nur die, mit denen ich direkt zusammenarbeite. Auch abteilungsübergreifend. Unabhängig von der Hierarchieebene. Sogar über Städte- und Ländergrenzen hinweg. Mit diesen Menschen verbringe ich die meiste Zeit meines Tages. Sie erleben mich stundentechnisch gesehen am längsten. Von Montag bis Freitag. Fünf Tage in der Woche. Keiner in meiner Familie oder Freunde erlebt mich so intensiv wie meine Kollegen.

Daher ist es für mich sehr wichtig, mich mit diesen Menschen intensiv auszutauschen. Ein bisschen mehr von ihnen zu erfahren. Wer sie sind. Was sie so tun. Was sie beschäftigt. Und nein, ich mag nicht alle meine Kollegen. Muss ich auch nicht. Ich will ja auch nicht mit allen in den Urlaub fahren. Aber ich finde so ein bisschen über den geschäftlichen Tellerrand schauen schadet nicht. Das ist das was ich will und was für mich wichtig ist. Das bereichert meinen Arbeitsalltag. Gibt dem Geschäftlichen etwas privates – etwas persönliches.

Da ich mindestens acht Stunden am Tag im Büro bin, erlebe ich dort auch unheimlich viel. Dinge, die mich beschäftigen. Die ich auch mit nach Hause nehme. Denn einfach auf dem Heimweg an der Bürotür abgeben und am nächsten Arbeitstag wiederaufnehmen geht bei mir einfach nicht. Hallo? Immerhin verbringe ich hier mehr als ein Drittel meines Tages! Da gibt es Geschichten, die mich tief bewegen. Themen bei denen ich kotzen könnte. Dinge über die ich nachdenken muss. Oder das schallendes Gelächter über eine sensationelle Situationskomik. Einen banalen Witz. Besonders bezaubernd sind die kleinen Geschichten, die wir manchmal unverhofft und völlig ungeplant entstehen lassen. Sie starten morgens in der Kaffeerunde, ziehen sich über das Mittagessen und enden meist bei der gemeinsamen Verabschiedungszigarette. Diese Selbstläufer fangen ganz klein mit einer Bemerkung oder einer Kurzgeschichte an. Sie werden im Laufe des Tages immer größer und sind am Ende eine Knallerstory. Hier gibt jeder etwas von sich dazu und am Ende sind sie mit so unglaublich viel Witz, Leben und Herzblut versehen, dass wir in Hollywood dafür garantiert mehrere Oscars gewinnen würden. Diese Storys gehören uns allen und wir nehmen sie mit in unser Leben.

Schwierig wird es dann, wenn sich einige von den gefundenen Freunden verabschieden und sich einer neuen beruflichen Herausforderung widmen. Ich meine damit nicht nur, wenn einer geht, sondern wenn sich innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums mehrere verabschieden. Wir sind ja zu einer Familie zusammengewachsen. Haben Freud und Leid miteinander geteilt. Und das Gefühl, diese Gruppe bricht wieder ein bisschen mehr auseinander, nimmt bei jeder Kündigungsnachricht mehr zu. Menschen die mir und auch den anderen ans Herz gewachsen sind, sind plötzlich nicht mehr da. Man trifft sich vielleicht am Anfang privat. Abends auf ein Bierchen oder eine Pizza. Schreibt sich noch Mails. Telefoniert zwischendurch. Textet in der WhatsApp-Gruppe. Aber das schläft meistens langsam ein. Man kann nichts dagegen tun. Die Kollegen die gehen, nehmen immer ein Stück von mir mit. Jeder ein kleines Teil. Zusätzlich herrscht die Angst, das noch mehrere von den Vertrauten das Weite suchen. Denn wenn sich einige Kollegen entscheiden zu gehen, so scheint es mir, wirkt es für die da gebliebenen ansteckend. Das ist wie mit einer Abteilung voller Frauen. Sobald zwei oder drei schwanger werden, kann man davon ausgehen, dass innerhalb kürzester Zeit noch weitere schwanger werden. Aber die kommen ja nach ihrem Mutterschaftsurlaub wieder. Hoffentlich. Aber hier sind sie weg. Ja, ich weiß, es wird neue Kollegen geben. Und auch unter diesen werden wir viele nette Menschen finden. Menschen, die in unserem Inner-Circle aufgenommen werden. Die sich in unserer Runde hoffentlich auch wie zu Hause fühlen werden. Als ob sie eine zweite Familie gefunden haben. Aber bis dahin kann eine Menge Wasser die Isar runterfließen.

Bis dahin sehe ich es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn ich freue ich mich für die Kollegen, die einer neuen Herausforderungen entgegenschauen. Auf neuen Aussichten. Neue Erfahrungen.

Ich wünsche Euch, liebe Ina, Jutta, Lisa, Valeria, André, Rico und G.I. Schmidt, und allen anderen die noch folgen werden, von Herzen alles Liebe! Viel Erfolg! Auf dass Ihr wieder so tolle Kollegen findet, die ihr im Laufe der Zeit als Freunde und vielleicht auch als eine kleine Familie sehen werdet. Mit denen Ihr Eure Erlebnisse, Enttäuschungen, Frustrationen und Erfolge teilen könnt. Ein Stück von mir ist mit Euch gegangen. Aber ein Teil von Euch allen bleibt bei mir. Tief in meinem Herzen. Danke das Ihr für einen kurzen oder längeren Zeitraum mein Leben derart bereichert habt.

© by Marita Matschiner

Klein, aber oho

pic by Achim Matschiner

Solange ich zurückdenken kann war ich die Kleinste. Es ging schon los im Mini-Club in West-Berlin. Bei uns gab es in der Nähe keinen Kindergarten – läuft aber am Ende auf das Gleiche hinaus. Die Jüngste in der gesamten Nachbarschaft. Trotz einer Ehrenrunde in der 2. Klasse, nach unserem Umzug nach Bayern, sah es in der Schule nicht viel anders aus. Gut, da war ich dann nicht mehr die Jüngste, aber mit der Körpergröße lag ich immer noch ziemlich unter dem Durchschnitt.

In der Ausbildungszeit war ich der Steppke oder das Küken. Das änderte sich auch nicht bei meinem ersten Job. Ebenso setzte sich das bei allen weiteren Arbeitgebern fort: Ich hatte das Los, das kleine Hascherl zu sein. Selbst im Freundeskreis war es nicht anders. Auf einer Party hat mir einmal jemand eine Trittbrettleiter angeboten: Damit ich mal in Augenhöhe mit ihm reden kann. Haha. Wie witzig! Danke!

Bedenken, einen zu kleinen Mann abzubekommen, hatte ich keine. Die Wahrscheinlichkeit war ja eher gering. Die einzig knifflige Situation hätte sein können, wenn mir Prince begegnet wäre. Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette. Immerhin war dieser sexy Mann und kreative Kopf gerade mal 157 cm groß. Da kann ich ja mal locker mithalten und das auch noch um ganze fünf Zentimeter toppen.

Genau an diesem Punkt kommt jetzt für mich ein ganz wichtiges Thema. Schuhe! Erstens habe ich durch meine 162 cm eine angenehme Schuhgröße und bekomme überall welche. Vor allem auch genau die, die ich will. Ich muss keine Kompromisse eingehen und kann sogar frei bei den unterschiedlichen Farben, Materialien und Styles wählen. Zweitens ist es völlig wurscht wie hoch der Absatz ist. Egal ob drei, fünf oder zehn Zentimeter. Ich kann wirklich alles tragen. Ohne dass ich meinen Mann körperlich überrage oder meine Erscheinung leicht unproportioniert wirkt.

Es gibt noch einen weiteren Vorteil bei meiner Körpergröße. Die 7/8-Hosen. Fand ich großartig! Endlich mal keine Hosen kürzen müssen. Je nach Laune der Modeindustrie habe ich den Luxus, das erworbene Stück in der perfekten Länge direkt anziehen zu können. Klasse! Große Menschen haben da ein entgegengesetztes Problem. Und auch diejenigen, die körperlich ihrer bisherigen Beinlänge entwachsen sind. Hierzu hat die Modebranche in den 1970er-Jahren eine Lösung kreiert. Es wurden einfach Borten unten ans Hosenbein genäht. Bevorzugt in bunten und schrillen Farben. Sah genau genommen ziemlich scheiße aus. Aber was macht man nicht alles, wenn das Beinkleid zu kurz ist. War aber nicht mein Problem. Wird es wohl auch nie werden.

Vor einigen Jahren hatte ich berufliche eine ganz andere Herausforderung. Mit einem niederbayrischen Kollegen. Er war von sich selbst ziemlich überzeugt und hatte die Einstellung, er müsse den große starken Mann geben. Nur dann ist man(n) toll. Zu seinem Leidwesen war ich ihm im Job allerdings gleichgestellt. Was ihm echt große Probleme bereitete. Er kam damit einfach nicht klar. Eine Frau. Klein. Und ihm dann auch noch gleichgestellt. Das ging für ihn gar nicht! Meine Taktik: Ich fragte ihn mit einem Augenaufschlag immer mal wieder, ob er mir bitte den Ordner/Karton von da ganz oben runterreichen könnte, weil ich ja so klein sei und da einfach nicht rankomme. Damit war das Eis gebrochen. Zwar musste ich diese Worte fast jede Woche von mir geben, aber er fühlte sich geschmeichelt, unentbehrlich und groß. Ab dem Zeitpunkt klappte unsere Zusammenarbeit wunderbar.

Man gewöhnt sich daran, aufgezogen zu werden und mit Sprüchen wie „Keine Arme, keine Kekse!“ oder „Versuch da mal ranzukommen!“ veräppelt zu werden. Ich hatte nie Komplexe deswegen. Denn: Ich bin nämlich gar nicht klein. Ich habe die durchschnittliche Größe einer südeuropäischen Frau. Demzufolge bin ich ja fast Italienerin. Was auch mein Hang zu schönen Schuhen und guter Pasta erklärt. Und da ich bei München lebe und München auch die nördlichste Stadt Italiens ist, macht das Ganze sogar doppelt Sinn.

© by Marita Matschiner

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Die stade Zeit: ein Busfahrer, mein Mann und ich

Weihnachten. Die ruhige Zeit. Die stade Zeit, wie wir so schön in Bayern sagen. Diese Worte waren wohl einst einmal weislich gewählt und hatten wirklich einen Grund. Leider sind diese Worte in der heutigen Zeit nicht mehr passend. Weihnachten wird irgendwie von Jahr zu Jahr stressiger. Trotz 24 Tage Vorbereitungszeit und jährlich fixem Termin – immerhin bekannt seit Jahrhunderten – sind wir in dieser Zeit mehr Stress ausgesetzt als an allen anderen Tagen im Jahr. Die Anspannung, alles gut organisiert zu bekommen. Den Druck, alle Geschenke rechtzeitig und vor allem treffend zu finden, und natürlich noch in-time im Hause zu haben. Möglichst alle Familienmitglieder unter einen Hut zu bekommen. Die Dekoration des jährlichen Modediktats anzupassen. Die Plätzchen müssen schmecken. Einheitlich groß. Und möglichst neue kreative Kombinationen beinhalten. Das Weihnachtsessen soll traditionell sein und trotzdem keine Langeweile aufkommen lassen. All diese Aspekte basieren auf einem einzigen Ziel: Die eigene Erwartungshaltung und die Annahme, dass diese auch auf die anderen Familienmitglieder zutrifft, zu erfüllen. Diese Tage sollen die perfekten Tage im Jahr werden! Für alle Familienmitglieder. Und für mich! Harmonie pur. Liebe bis zum Abwinken.

Unser Weihnachten ist geprägt durch Tradition, Familie und tatsächlich einen Grad von Egoismus. Wir sind überzeugt davon, dass dieser Grad von Egoismus ein Gesunder ist. Auch unsere kleine Familie benötigt vom Alltag und den Verpflichtungen ein bisschen Auszeit. Zweisamkeit. Ruhe. Unsere beiden Mütter und mein Vater sehen das bestimmt anders. Sie haben aber großes Verständnis dafür. Dafür möchte ich an dieser Stelle ein großes Dankeschön aussprechen! Diese Möglichkeit, am ersten und/oder zweiten Weihnachtstag bei der Familie mit einem großen, bauchfüllenden Weihnachtsessen aus dem Weg zu gehen, wird nicht vielen Kindern eingeräumt. Es ist schließlich ein Familienfest und daher sind diese Besuche im Allgemeinen ja quasi eine Pflichtveranstaltung. Noch einmal Danke, liebe Mamas und Papa, dass ihr uns hierzu nicht nötigt oder sogar zwingt.

Dieses Jahr haben wir vielleicht eine neue Tradition ins Leben gerufen. Denn sie war so schön. Ruhig. Besinnlich. Einfach nur rund. Angefangen hat es mit einem Erlebnis von mir vor ein paar Jahren. Ich bin am ersten Weihnachtsfeiertag morgens um 8:00 Uhr Laufen gegangen. Eine ruhige, von mir selten absolvierte Strecke. Sie liegt direkt an einer Verbindungsstraße von zuhause zum nächsten Ort. Während ich so lief, fuhr der öffentliche Bus an mir vorbei. Um diese Uhrzeit, an einem heiligen Feiertag in der ‚Staden Zeit‘. Dass der Bus vorbeifuhr hat mich nicht sonderlich irritiert. Nur der Busfahrer, der einsam hinter seinem Lenkrad saß. Ob er jetzt Weihnachtsmusik hörte oder vielleicht sogar ziemlich zufrieden mit sich und seiner selbst war, kann ich nicht beurteilen. Mir tat er nur leid in dieser Situation. Er musste an einem Feiertag früh aufstehen. Seinen Dienst verrichten. Und das ohne vermeintlichen Nutzen. Niemand fuhr mit. Ich weiß, es werden jetzt einige von euch sagen: „Das ist sein Job. Dafür bekommt er schließlich sein Gehalt!“ Ja, klar. Ist mir völlig bewusst. Er tat mir trotzdem leid. Es gibt nichts Schlimmeres, als seinen Dienst zu tun und dafür keinerlei Wertschätzung zu erhalten. Geschweige denn einen Nutzen oder sogar eine Sinnhaftigkeit in seiner Arbeit zu sehen. Dieser Mann stand frühmorgens auf, lässt seine Familie alleine daheim und verrichtet seine Arbeit. An Weihnachten! Kein Lächeln. Kein Danke. Kein Bitte. Was für ein Los an Weihnachten?

Mein Mann überraschte mich am ersten Weihnachtsfeiertag. Er forderte mich auf meine Daunenjacke anzuziehen. In die Winterstiefel zu schlüpfen, eine Mütze aufzusetzen und mit ihm gemeinsam das Haus zu verlassen. Seine genauen Worte waren: „Überraschung! Wir machen jetzt einen Ausflug!“ Wie jetzt? Es ist Feiertag! Bisher gab es an diesen Tagen keine Verpflichtungen! Und ich soll mich anziehen und mich auf irgendeinen Ausflug – wie hunderte andere Menschen auch – begeben? Das kann nicht sein Ernst sein!

Wir liefen vor bis zur Hauptstraße. Ein Bus mit der Nummer 271 hielt an und er schob mich in diesen. Er ignorierte meinen fragenden Blick. Er lächelte den Busfahrer an und trällerte ein „Frohe Weihnachten! Bitte ein Paar-Tagesticket für den Außenraum.“ Ich konnte es kaum glauben. Ich saß an einem 25. Dezember in einem Bus und wir fuhren quer durch die Pampa bis zur Endhaltestelle. Ein süßes bayrisches Örtchen, von dem ich vorher noch nie etwas gehört habe. Hinein in ein Restaurant. Der einzig freie Tisch war mit perfekter weihnachtlicher Dekoration in Beschlag genommen. An den Nachbartischen war Familienstress pur. Kinder beschäftigten sich mit Computerspielen auf iPad und iPhone. Eltern schwiegen sich an. Großeltern spielten Freude vor und wünschten sich im Grunde nur auf ihre gemütliche Couch. Endlich raus aus dem gestärkten Anzug, dem Rock mit der Rüschenbluse. Hinein in eine bequeme Alltagsklamotte. Das tun, was man am liebsten tut. Nur nicht das hier! Aber: Es ist Weihnachten. Familie ist angesagt. Ente mit Knödel und die Hochzeitssuppe vorweg. Das schwere Dessert nicht zu vergessen. Das Servicepersonal sichtlich gestresst – mit einem aufgesetzten Lächeln. In der Erwartung, möglichst bald die Feierabendglocke läuten zu hören. Unser Kellner hinterlässt einen überrascht entspannten Eindruck. Ob es aus seinem tiefsten Inneren kam oder seiner professionellen Einstellung entspricht, kann ich nicht beurteilen. Er hat uns zumindest nicht das Gefühl gegeben, dass wir stören oder ihn einen Schritt näher zum Burn-out bringen.

Im Anschluss hatten wir einen Kurzaufenthalt auf einer Bank, in der wärmenden Sonne, direkt vor der Kirche. Wir beobachten Spaziergänger. Für uns war es erschreckend, wie wenig Familien vorbeizogen, die mit sich im Reinen waren und sich auf ein Zusammentreffen mit der Familie freuten. Die Blicke waren ziemlich verhärmt und unzufrieden. Auch hier war der Weihnachtsstress direkt in den Gesichtern abzulesen. Unabhängig davon, um welches Familienmitglied es sich handelte.

Irgendwann war es soweit und unser Bus der Linie 271 fuhr wieder Richtung Heimat. Im Sonnenuntergang des Alpenpanoramas genossen wir die 40-minütige, völlig gechillte Busfahrt. Einsam, ruhig und entspannt mit einem fremden Menschen am Steuer seines Gefährts. Der Busfahrer von heute früh. Ein offensichtlich nicht mehr ganz so einsamer Mann, der nur seinen Job ausübt. Sondern in Gesellschaft von zwei Personen, die seinen Einsatz sehr wohl zu schätzen wissen. Und es ihm auch zeigen. Krönender Abschluss ist ein zehnmenütiger Spaziergang von der Bushaltestelle nach Hause. Wir sind wieder in unseren eigenen vier Wänden.

Was für ein Tagesausflug! Was für ein entspannter erster Weihnachtsfeiertag! Ohne Stress. Ganz in Ruhe. Die stade Zeit ist bei uns eingekehrt.

© by Marita Matschiner