Arbeitsloser Mülleimer

Am Wochenende gibt es bei mir einen geregelten Vormittag. Normalerweise weckt mich der Hund zu seiner gewohnten Frühstückszeit, das ist so gegen 5:30 Uhr. Manchmal auch schon etwas früher. Da mein Mann ein Früh-Frühaufsteher ist, versucht er das Tapsen der Krallen auf dem Packet und Fliesenboden frühzeitig abzustellen, um mich weiter schlafen zu lassen. Das bedeutet, dem Hundewunsch schnell nachzukommen und ihm sein Frühstück zu servieren. Danach schleicht sich das Kuscheltier, und hiermit meine ich den Vierbeiner, wieder gemächlich ins Bett. Er rollt sich ein, schmatzt noch einmal versonnen und fällt umgehend in die nächste Tiefschlafphase.

Ein bis zwei Stunden später stehen wir dann auf, schmeißen uns voller Elan in die atmungsaktiven Sportklamotten und laufen in lockerer Geschwindigkeit gen Isar. Der Hund erfüllt in der Regel schnell seinen Hauptjob – er erledigt sein Geschäft. Als verantwortungswusste Hundemama habe ich ein Entsorgungstütchen dabei. Dieses kommt auch gleich zum Einsatz.  Um die Ecke ist der öffentliche Mülleimer und die Tüte wandert mit dem unangenehmen Inhalt, sicher zugeknotet, direkt hinein.

Nun kann ich mich entspannen. Meine Ohren lauschen einem netten Hörspiel oder bassorientierter Musik. Denn das Ziel ist ca. 60-90 Minuten in der Natur abzuschalten und das Leben Leben sein zu lassen. Einfach durchatmen. Nicht nachdenken müssen. Nicht „gut“ aussehen oder angenehm riechen zu müssen. Auch auf die Laufgeschwindigkeit oder die Pulshöhe gebe ich in diesen Momenten gar nichts. Diese Zeit gehört nur mir, meinem Hund und der Natur.

Der von uns bevorzugte Waldweg, der eigentlich den Begriff „Weg“ gar nicht verdient, führt uns immer weiter runter an die Isar. Hier fließt sie Richtung München und wir folgen dem Wasser bis in den nächsten Ort. Hier unten gibt es schöne ruhige Plätzchen, an denen man im Sommer gerne mal ein Handtuch ausbreitet und sich einfach ins Wasser stürzt. Einige Stellen sind in der Zwischenzeit schon von weitem zu erkennen, hauptsächlich geprägt durch die entstandenen Grillstationen. Ein paar größere Steine in einer Kreisformation angeordnet und in der Mitte die letzten Überreste von verbranntem Holz oder Kohle. Es gibt also Mitmenschen, und ich gehe davon aus, jüngere Mitmenschen, die die Natur auch so schätzen wie ich. Und anscheinend verbringen sie auch gerne und viel von ihrer Freizeit dort.

Ich komme wieder an einem dieser offensichtlichen Spaßgebiete vorbei. Der Wasserstand ist an diesem Teil der Isar sehr niedrig. Gut knöcheltief kann man hier sehr weit hineinwaten. Was anscheinend die letzten Isargäste auch gemacht haben. Denn ich kann es nicht fassen, was ich da  ehe. So circa 5-7 Meter vom Ufer entfernt steht mitten in der Isar eine einsame, leere Kiste Augustiner. Einfach so. Ohne Flaschen. Ohne „Wachpersonal“. In unregelmäßigen Abständen sind am Ufer die geleerten Bierflaschen verteilt. Hier muss es ganz schön abgegangen sein.

Es stellt sich mir nur die Frage, warum lassen sie das Pfandgut einfach liegen?

Anscheinend sind sie der Meinung, „ich habe es hier her geschleppt, dann muss ich es auch nicht wieder nach Hause tragen.“ Oder was zum Henker geht in diesen Köpfen vor? Ich will gar nicht drüber nachdenken, wie lange diese Kiste Bier benötigt, um von der Landschaft assimiliert zu werden. Oder sie wird bei dem nächsten Hochwasser weiter bis nach München getragen. Vielleicht freut sich ja in der Stadt ein armer Obdachloser über das Pfand der Kiste. Aber hätten die verfluchten Übeltäter dann nicht wenigstens soweit mitdenken und die leeren Flaschen in die Kiste verfrachten können? Dann hätte sich das wenigstens für den Obdachlosen richtig rentiert. Oder noch besser: einfach die Kiste mit gefüllten Flaschen direkt in die Isar stellen – ein Traum jeden Bierfreund: eiskaltes Bier!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier viel Hirn am Start war. Die Leute haben nichts mehr zum Denken in ihren Köpfen. Wollen nur ihren Spaß, sich den Kopf vollschütten und vertrauen darauf, irgendjemand wird sich schon darum kümmern. Hauptsache sie kommen in der Nacht irgendwie in ihr trockenes, sauberes Bett.

Von dieser Sorte Mensch gibt es immer mehr in unserem ach so schön sauberem und ordentlichen Deutschland. Wieso müssen an einer Ampelkreuzung Aschenbecher auf dem mittleren Grünstreifen ausgeleert werden? Wieso schmeißen Menschen ihre McDonald-Verpackungen einfach aus dem Autofenster? Wieso stehen mitten in Wäldern Kühlschränke und Waschmaschinen?

Nur zur Info an diese Leute: es gibt Abgabestationen hierfür. Hier kann man kostenfrei, ohne Umstände, ohne Formalitäten oder Frage-Antwort-Spielchen alle Dinge die ausgedient haben, fachgerecht entsorgen.

Habt Ihr eine Ahnung, was Ihr Natur und Landschaft damit antut?

Ebenso an meine Hundebesitzerkollegen. Wieso können sie die Hinterlassenschaft von ihrem Vierbeiner nicht entsorgen. Schlimmer sind die, die das Geschäft in die dafür vorgesehen Tüten packen, diese zuknoten und dann schön brav einfach irgendwo hinschmeißen. Bevorzugt auf dem Weg oder angrenzenden Grünstreifen.

Ich könnte kotzen, wenn ich so etwas sehe. Wie arrogant! Wie selbstverständlich! Wie herablassend gehen wir mit der Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder um? Mit der Flora und Fauna, die langsam an unserem Dreck und Müll ersticken. Wir nehmen ihnen alles, die Luft, das Licht, die Erde, die Energie. Es würde völlig ausreichen, wenn jeder Erdbewohner alles in seiner Macht stehende tut und diese Welt und alle Bewohner und sein Umfeld mit Respekt behandelt.

Daher: liebe Isar-Party-Gäste! Habt Spaß heute Abend und gebt alles. Aber bitte nehmt Euren Müll auch wieder mit! Bitte lieber Radfahrer, guten Appetit bei Deinem Energieriegel. Bitte steck die Verpackung wieder ein! Du hast sie bis hierher in Deinem Supersportrucksack transportiert. Dann geht es bestimmt auch wieder bis nach Hause. Bitte liebe Eltern, wenn ihr die Windeln eures Kindes im Wald wechseln müsst, nehmt die verbrauchte und vollgeschissene Windel auch wieder mit. Ihr armen vom Schnupfen geplagten Ausflügler, ich leide mit Euch. Aber steckt das vollgerotzte Taschentücher doch bitte wieder in Eure Taschen. Auch Du, lieber Hundebesitzer, der garantiert herzlich, liebevoll und respektvoll mit Deinem Haustier umgeht. Respektiere seine freie Entscheidung dort sein Geschäft zu erledigen, wo er möchte bzw. kann. Es liegt in DEINER Verantwortung, diese Hinterlassenschaft zu entfernen! Und Du, lieber McDonald-Besucher! Ich esse das Zeug auch ganz gerne mal zwischendurch. Aber dieser Fastfood-Anbieter hat tatsächlich Mülleimer vor der Tür. Und diese gibt auch auf jedem Rastplatz, jeder Tankstelle und an und in jeder U-Bahn-/S-Bahnstationen. Und wenn Du nicht weißt wie so etwas aussieht: ein rundes, hohes Behältnis in unterschiedlichen Farben und Formen. Meist dunkelgrün oder grau. Und oben oder an der Seite ist eine Öffnung. Und genau da kannst Du Deinen Müll reinschmeißen.

Das ist der Job des Mülleimers und den möchte er gerne erfüllen. Er möchte nicht arbeitslos werden.

Gib dem Mülleimer eine Chance!

© by Marita Matschiner

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