Ode an den Anderwald (Teil 4 Binsen-Land)

Anderwald mit Herz – pic by Achim Matschiner

Oh Anderwald am Faaker See.
Scheiß aufs Dichten. Chardonnay!

Ich versuche möglichst vorurteilsfrei zu sein. Aber gerade bei dem Thema Campingplatz kann ich schlecht aus meiner Haut. Da habe ich eine Menge Vorurteile. Sehr viele! Aber der nächste Halt ist ein Campingplatz mit einer mir sehr zusagenden Gemütlichkeit und das auch noch auf hohem Niveau. Was ich hier vorfinde, lässt mich viele meiner Bedenken und Vorurteile direkt und ohne Umschweife in die Tonne treten. Aber jetzt erst einmal von Anfang an. Gemeint ist der Campingplatz Anderwald direkt am Ufer des Faaker Sees.

Wir fahren mit Schrittgeschwindigkeit durch die Einfahrt der Anlage. Die Anmeldung ist im Haupthaus, auf halber Strecke zum See. Durch eine kleine Allee, die rechts und links mit natürlich wachsenden Kiefern und wilden Büschen die Stellplätze vom Hauptweg trennen, wird der Faaker See immer mehr zum Zentrum der Aussicht. Überall auf dem Platz finden sich kleine nette Dekorationselemente. In einer Ecke steht eine alte Holzgartenbank mit einer Laterne an der Armlehne. Im Baum gegenüber hängt ein alter Alukochtopf mit einer eingepflanzten Geranie. Wie süß. Wir dürfen uns einen Platz aussuchen. Egal wo! Natürlich parken wir in der Nähe vom Restaurant, den Waschräumen, Duschen und Toiletten. Wo sonst? 😉

Ich inspiziere erst einmal die Hygieneräume. Hinein ins Haupthaus. Rechts für Herren, links für die Damen. Ich fühle mich leicht überfordert von den vielen Türen. Ich wähle eine nach dem ene-mene-muh-Prinzip aus und finde mich in einem großen Raum wieder. Mit weiteren Türen. Ich komme mir vor wie Alice im Wunderland. Nur mit dem Unterschied, dass diese Türen zu den Toiletten, Dusch- und Waschräumen führen und nicht in eine neue, fantastische Welt. Naja. Irgendwie dann doch in eine für mich neue und fantastische Welt. Denn dezente, sanfte Musik wabert an meine Ohren. Es riecht ganz leicht nach einer Blumenwiese. Alles ist in warmen, hell orangenen Tönen gehalten. Es ist sauber, ordentlich und auch hier überall dezente, liebevolle Deko. Bin ich wirklich auf einem Campingplatz?

Zurück zum Stellplatz. Jetzt erst einmal schnell aufbauen, einrichten und dann duschen. Endlich duschen! Ohne Zeitdruck. Ohne Aussicht auf Wassermangel. Und vor allem temperierbares Wasser. Jede abschließbare Duschkabine hat einen eigenen Vorraum. In diesem kann man seine Klamotten und den Kosmetikbeutel sauber aufhängen oder auf einen Stuhl legen. So bleiben sie während der Saubermachaktion auch trocken. Da hat einer echt mitgedacht. Nach der Dusche kann man seiner weiteren Körperpflege im Duschvorraum nachgehen oder in den Großraumbereich (Hallenbad ähnlich) umziehen. In Anderwald hat man aber noch eine dritte Alternative: die Waschbeckenräume. Hier gibt es jeweils einen großen Spiegel mit Stromanschluss und genügend Ablage und Platz um sich auszubreiten. Ganz großes Kino: beim Blick in den Spiegel erschrickt man nicht!  Wie in so manchen Bekleidungsläden. Selbst nicht nach einer Woche VW-Camping mit Autospiegel oder dem kleinen Klappbaren aus der Handtasche. Diese beiden zeigten mir in der letzten Woche nämlich nur einen kleinen Teil des realen Wahnsinns. War vielleicht auch gut so, nur einen Ausschnitt zu sehen. Nicht so in Anderwald. Endlich mal ein Spiegel der was kann. Das Licht ist angenehm warm und holt nicht die roten Äderchen und sonstige Mängel hervor. Es intensiviert nicht die Makel an unseren Körpern. Die, die wir so schön zu verdrängen oder zu straffen versuchen. Anderwald hat die perfekte Beleuchtung um sich wohl zu fühlen. Nicht nur in den Räumen, auch in seiner Haut. Großartig. Ein ausdrückliches und persönliches Dankeschön von Frau zu Anderwald.

Die Rundbürste kommt zum Einsatz und ich habe endlich mal wieder eine Frisur. Die Wimperntusche sitzt dort, wo sie sitzen soll. Ich sehe mal nicht aus wie ein Waschbär! Sauber und frisch eingecremt fühle ich mich wieder mit mir im Reinen. Glückselig lächelnd komme ich zurück zum Stellplatz. Selben Gesichtsausdruck finde ich bei meinem frisch geduschten und rasierten Mann. Eine Dusche und ein Spiegel sind nach so einer Urlaubswoche tatsächlich purer Luxus. Witzig, wie selbstverständlich man das im normalen Alltagsleben nimmt. Was viele leider gar nicht zu schätzen wissen.

Von außen ist jetzt alles tippi toppi. Jetzt fehlt noch das innere Wohlsein. Essen gehen! Das Restaurant ist bereits um 17:30 Uhr gut besucht. Wir finden trotzdem einen hübschen Platz auf der Terrasse mit Sicht auf den See. Das Restaurant hat eine gut gemischte Karte. Es findet sich für jeden etwas. Für den Pizzaliebhaber, den Gourmet-Genießer und auch für die kleinen Menschen dieser Welt. Das Essen ist phänomenal. Als Nachtisch bestellen wir uns einen Kaiserschmarrn. Die Bedienung schaut uns etwas verwirrt an. „Ähhh…. Das ist echt viel Kaiserschmarrn! Die meisten schaffen das nicht nach einem Hauptgang.“ Wir lassen uns nicht beirren und sind hocherfreut als eine riesige gusseiserne Pfanne, gefüllt mit der weltbesten Mehlspeise, serviert wird. Wir müssen kämpfen. Kämpfen! Geben nicht auf. Schaffen es gerade mal so. An der bestens sortierten Bar kaufen wir uns im Anschluss noch eine Flasche eiskühlten Wein. Mit Blick auf den Sonnenuntergang am See genießen wir unter unserer Markise noch den guten Tropfen und kriechen anschließend glückselig in unsere frisch aufgeschüttelten Schlafsäcke.

Der nächste Morgen. Erst einmal Laufen gehen. Bietet sich ja an. Auf der anderen Seite der Uferstraße ist ein großer Wald mit einem fantastischen Trimm-dich-Pfad. Dieser ist ein absoluter Träum. Nicht diese halb verrotten Hüpf-Holzbalken und verrosteten Klimmzugstangen. Da haben sich einige kreative Köpfe ausgetobt. Es gibt ungefähr 30 verschiedene Übungseinheiten, die völlig harmonisch ins Waldleben eingebettet sind. Vom Fitnesstest gleich zu Beginn bis hin zum ebenerdigen Trampolin. Nach einer sauber- und glücklichmachenden Dusche, beratschlagen wir bei einem Kaffee den nächsten Schritt.

„Wir können ja doch noch eine Nacht bleiben.“ Wie bitte? Was? Wer? Wie? War das etwa ich? Ups. Die Worte sind einfach so aus meinem Mund geflutscht. Erst denken, dann reden! Aber ja, es ist wahr. Tief in meinem Inneren würde ich gerne noch bleiben. Camping Anderwald hat es geschafft, mir meine Phobien ein bisschen zu nehmen. Die Tür ist einen Spalt geöffnet. Offen für diese Art Urlaub. Dank Anderwald und deren Leidenschaft für Kleinigkeiten. Das Ambiente. Die Herzlichkeit. Die Sauberkeit. Für das Mitdenken und das Verständnis für das, was man(n) und Frau auch im Urlaub brauchen, bevorzugen und auch zu schätzen wissen. Ja, ich stehe dieser Urlaubsmöglichkeit nun etwas offener gegenüber.

Leider zieht es mittags zu. Es wird kalt und regnerisch. Sorry, aber hier ist jetzt meine Camping-Grenze erreicht. Bei strömenden Regen und Kälte mag ich nicht zu zweit, mit einem großen Hund, in einem VW-Bus campieren! Auch nicht in Anderwald. Trotz inbrunstartiger Gebete an Petrus – er zeigt kein Erbarmen. Die Sonne zieht sich immer weiter hinter den Horizont zurück und die Regenwolken verdichten sich. Tja, das Wetter hat man nicht im Griff. Den Standort aber schon. Wie wir bereits in Glurns und auf Grado unter Beweis gestellt haben, nutzen wir die Freiheit des Bully-Lebens und brechen auf. Auf zu neuen Erlebnissen. Auf zu neuen Erkenntnissen. Auf zur neu gewonnenen Freiheit. Denn jetzt geht’s ans Eingemachte: Wildes Campen steht auf dem Plan.

Randinfo: Der Chardonnay war ein Grüner Veltliner aus der Region. Aber wäre „Oh Anderwald am Faaker See. Scheiß aufs dichten. Grüner Veltliner!“ wirklich besser gewesen?

         

         

© by Marita Matschiner

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